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Kann man beim Kritisieren eigentlich gute Laune haben? - zum Wert positiver Gefühle

Letzte Woche habe ich einen Vortrag vor interessierten Projektmanagern und -managerinnen über Positive Psychologie im Business gehalten. Das war sehr schön - und ich habe einiges gelernt darüber, wie Menschen (um nicht zu sagen Manager) über positive Gefühle denken können.

 

Eine Sache ist mir aufgefallen: einer der Manager hat gefragt, wie man denn am besten zwischen positiven und negativen Gefühlen hin- und her wechseln könne. Grund seiner Frage sei, dass man in manchen Situationen ja negative Gefühle bräuchte.

 

Ich dachte so bei mir, dass ich in meiner Erfahrung gar nichts dazu tun muss, um negative Gefühle zu haben. Die kommen ganz von alleine, ohne dass ich bewusst zu ihnen hin wechseln müsste. Schwieriger erscheint es mir, dann wieder zu den positiven zu kommen.

 

Aber sei's drum: die Frage ist, ob es Tätigkeiten und Situationen gibt, in denen man negative Gefühle braucht, weil man sonst nicht effektiv oder effizient arbeiten kann. Das Beispiel, dass er nannte, war: beim Brainstormen sind gute Gefühle gut, weil man da spontan, kreativ und begeistert sein soll. Wenn man dann aber als Manager aus den Brainstorm-Ergebnissen die Geeigneten auswählen soll, sind negative Gefühle gut, weil man da kritisch und eben negativ sein muss (man schmeisst ja Vorschläge raus und kann Mitarbeiter auch enttäuschen, wenn ihr Vorschlag aussortiert wird). Er wollte wissen, wie er nun am besten vom positiven 'State of mind' in den negativen kommt. Das war wirklich eine unerwartete und spannende Frage für mich (man höre und staune: ich hatte, trotzdem ich spontan keine Antwort hatte, gute Gefühle)!

 

Ich habe mich gefragt: ist das nötig? Ist es bei bestimmten Tätigkeiten besser, schlechte Gefühle zu haben? Braucht ein Manager negative Gefühle, um seiner Führungstätigkeit optimal nachkommen zu können (man denke nur an Kritikgespräche, Entlassungen, unangenehme Entscheidungen, Sich-Durchsetzen-Müssen etc.)? Ich habe da keine endgültige Antwort. Ich kann nur aus meinem Wissen und meiner Erfahrung mit mir und meinen Kunden und Kundinnen sprechen. Und aus dem heraus sage ich: nein, man braucht sie nicht bzw. weniger, als man meinen könnte.

 

Wie komme ich da drauf? Zuerst einmal möchte ich an die Liste Positiver Gefühle erinnern, die Prof. Barbara Fredrickson - die in der Positiven Psychologie sozusagen die "Mutter der Positivität" darstellt - in ihrer Forschung erstellt hat: Freude, Dankbarkeit, Gelassenheit, Interesse, Hoffnung, Stolz, Spaß, Inspiration, Ehrfurcht und Liebe.

 

Fragen Sie sich selber: welche dieser Gefühle kann man auch haben, wenn man etwas Nicht-Positives tut und wie könnte einem das helfen?

  • Zum Beispiel kann ich in einer Krise Hoffnung haben und die Forschung zeigt eindeutig, dass Menschen (und das gilt auch für Manager) eher gestärkt aus Krisen hervorgehen, wenn Sie hoffnungsvoll sind.
  • Im Brainstorm-Beispiel könnte ich beim Auswählen Spaß haben, interessiert sein an dem Ergebnis (Interesse ist ein Gefühl, dass zu großer Konzentration und Fokussiertheit führt - und das will man in so einer Situation ja am meisten), hoffnungsvoll, dass ich das Richtige auswähle, dankbar für hilfreiches Feedback.
  • Ich kann in einer stressigen Situation trotzdem gelassen sein - dann habe ich wahrscheinlicher gute Ideen und kann mich besser auf meine Aufgabe konzentrieren, als wenn ich hektisch und genervt bin. Und vielleicht kann ich sogar interessiert sein an den Vorschlägen der anderen. Oder inspiriert.
  • In einem Kritikgespräch könnte ich darauf stolz sein, dass ich es so gut meistere und ich kann Dankbarkeit empfinden, z.B. dafür, dass der andere mich anhört oder dass er mir gegenüber offen ist (wenn das der Fall wäre).
  • Ich kann trotz allem Freude an meiner Arbeit haben (zu der die vermeintlich unangenehmen Dinge ja auch gehören und ihren Sinn haben).
  • Und ein vielleicht für manche etwas drastisches Beispiel: in einem Kritikgespräch oder gar einem Entlassungsgespräch könnte es hilfreich sein, Liebe - oder um es für den Businesskontext vielleicht etwas anders auszudrücken: Symphatie, Mitgefühl, Respekt o.ä. - für das Gegenüber zu empfinden. Der große Pädagoge Pestalozzi hat ja nicht ohne Grund gesagt: "Ihr müsste die Menschen lieben, wenn ihr sie ändern wollt". Mir leuchtet das ein.

Sie sehen vielleicht, dass es sich nicht ausschließt, auch in sogenannten "negativen" Tätigkeiten positive Gefühle zu haben und dass dies förderlich sein kann.

 

Sie können sich andersherum natürlich auch fragen, ob negative Gefühle, wie Ärger, Stress, Angst, Befürchtungen, Hektik, Gekränkt-Sein o.ä. wirklich so effektiv und effizient sind!?

 

Werde ich dann nicht zu einem Warmduscher, wenn ich so viele positive Gefühle habe? Muss man als Manager nicht mal richtig auf den Putz hauen, damit man seine Stärke nicht einbüßt? Sagt man nicht nur noch Ja, wenn man immer gute Gefühle hat? Ist einem irgendwann nicht alles egal? Ich kann nur aus meiner Erfahrung (und der meiner KundInnen) sprechen, dass ich in einem gelassenen Zustand wesentlich klarer und authentischer kommunizieren kann, auch "unangenehme" Inhalte. Dass ich ohne ständige Besorgtheit bessere Entscheidungen treffe. Dass ich ohne ständige Unzufriedenheit und inneren Druck produktiver bin.

 

Ich denke, dass wir uns keine allzu großen Sorgen machen müssen, dass wir plötzlich zu viele (oder gar nur noch) positive Gefühle haben und das ist auch gar nicht das Ziel Positiver Psychologie - wenn negative Gefühle keinen Sinn machen würden, hätten wir sie schlicht nicht. Nur überschätzen wir vielleicht ihre Möglichkeiten und sehen den Schatz in der Positivität nicht, der weit darüber hinaus reicht, dass wir in der Freizeit Spaß haben. Es geht um eine bessere Balance zwischen positiven und negativen Gefühlen.

 

Der erste Schritt ist sicherlich, positive Gefühle zu kultivieren. Sonst wird es mit dem hin- und her wechseln eh schwierig.

 

Viel Glück wünscht,

 

Susanne Keck

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