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Ja sagen zu dem, was ist

Widerstand gegen unerwünschte Umstände hat die Kraft, diese Umstände lange am Leben zu halten. - Pema Chödron

 

Unsere erste Reaktion, wenn wir negative Gefühle oder stressige Gedanken in uns wahrnehmen, ist oft, uns gegen sie zu stellen, Widerstand aufzubauen. Wer will schon zornig, verzweifelt, geizig, neidisch oder mürrisch sein?

 

Wer will schon pessimistische, zweifelnde, selbstmörderische, (selbst-)hasserfüllte oder depressive Gedanken haben? Kein Wunder, wenn wir gleich in Halbachtstellung gehen, sobald "so etwas" in unserem Bewusstsein auftaucht!

 

Was ist eigentlich so schlimm daran, sich so zu fühlen oder so etwas zu denken?

 

Erstens glauben wir, wenn wir solche inneren Regungen zulassen, dann werden sie irgendwie für immer bleiben. Sie würden sich dann einnisten und all unsere Bemühungen, glücklich zu sein und ein gutes Leben zu leben, zunichte machen. Wir meinen, sie würden uns definieren; wenn wir sie zuliessen, dann würden wir nicht nur ab und zu mal einen depressiven Gedanken haben oder ab und zu mal zweifeln, sondern wie befürchten, dass wir zu Depressiven werden oder zu chronischen Zweiflern. Wenn wir unsere Angst wirklich fühlen würden, dann hätten wir nie mehr Mut.

 

Es ist eine Art Aberglauben in uns, dass Gedanken und Gefühle letztlich wahr werden, wenn wir nicht gleich innerlich gegen sie angehen. Wenn ich denke und fühle, eine Versagerin zu sein, dann werde ich eine Versagerin werden oder bin es schon. Wenn ich Zweifel zulasse, dann werde ich mich nie entscheiden können. Wenn ich Trauer herein lasse, dann werde ich zu einer ewig Unglücklichen werden. Wenn ich zulasse, (selbst-)hasserfüllte Gedanken zu haben, was sagt das dann über mich? Mit mir stimmt etwas nicht?

 

Oft fühlen wir Scham angesichts unserer unerwünschten Gedanken und Gefühle. Sollten wir nicht schon viel weiter sein? Sollten wir nicht schon darüber hinweg sein? Sollten wir nicht erwachsene, vernünftige Menschen sein?

Die Sache ist die: wir haben nur sehr begrenzte Kontrolle darüber, wann wir was denken und fühlen. Und es hat absolut nichts mit uns persönlich zu tun. Gedanken und Gefühle kommen und gehen, sie definieren uns nicht. Wie eine meiner Lieblings-Meditationslehrerinnen Sharon Salzberg sagt: Wir nehmen uns nicht vor, morgen früh um 9.13 Uhr voller Selbsthass zu sein. Oder um 17.46 voller Liebe und Zuneigung.

 

Wenn Sie wollen, machen Sie doch mal folgende kurze Übung, die ich zurzeit in meiner Meditations-Challenge anbiete: stellen Sie sich eine Situation vor, in der Sie letzthin waren und die unangenehme Gefühle und/oder Gedanken bei Ihnen ausgelöst hat, die Sie lieber nicht gehabt hätten. Versetzen Sie sich so weit es sich jetzt gerade richtig anfühlt in diese Situation hinein. Empfinden Sie die Gefühle, die Sie hatten. Und nun sagen Sie innerlich zu diesen Gefühlen Nein. Nein, nein, nein. Wie fühlt sich das an?

Und nun wechseln Sie langsam zu einem Ja zu diesen Gefühlen und Gedanken. Ja, ja, ja. Und das bedeutet nicht, dass Sie diese Gefühle und Gedanken ausagieren oder sich von ihnen mitreissen lassen sollen. Es bedeutet nicht, dass Sie diese Gedanken für wahr halten und sie weiter verfolgen sollen. Es bedeutet auch nicht, dass Sie sie toll finden und denken sollen: so möchte ich mich immer fühlen.

 

Es geht nur darum, Ja zu dem zu sagen, was bereits da ist. Es nicht zu bewerten, es nicht festhalten und nicht loswerden zu wollen. Wenn Sie möchten, können Sie sich eine Hand auf den Körper legen, auf die Herzregion oder wo es sich beruhigend und unterstützen anfühlt und ein paar Minuten einfach mit den Gedanken und Gefühlen sein. Sich den Raum zu geben, das jetzt zu fühlen. Und dann lösen Sie sich wieder von der Situation und lassen Sie wieder an ihren Platz in Ihrer Vergangenheit zurück - sie ist vorbei! Sie sind wieder im Hier und Jetzt!

 

Was haben Sie erlebt? Wenn Sie das erlebt haben, was ich und viele meiner Klientinnen erlebt haben, dann war das Ja stimmiger, selbst wenn die Gefühle und Gedanken unangenehm oder sogar schmerzlich waren. Vielleicht waren die Empfindungen letztlich gar nicht so furchteinflössend, wie Sie dachten. Vielleicht sind die Gefühle und Gedanken ganz von selbst weniger geworden und verschwunden - das passiert nicht immer, aber oft. Vielleicht war es weniger erschöpfend, denn meist erschöpfen uns nicht unsere Gefühle und Gedanken, sondern der Widerstand, den wie gegen sie haben, wenn wir uns vor ihnen fürchten. Vielleicht war es sogar ganz schön, so sein zu dürfen, wie Sie eben gerade waren. Nichts verbessern, optimieren zu müssen.

 

Wie Pema Chödron, eine sehr weise westliche buddhistische Nonne im Eingangszitat andeutet: die Dinge, gegen die wir uns wehren, bekommen einen Platz in unserem Leben. Oft einen Dauerplatz in der ersten Reihe! Das ist ein Paradoxon, das ich besonders liebe: die Dinge, die sein dürfen, verändern sich. Die, die nicht sein dürfen, haben die Angewohnheit zu bleiben.

Kontakt

Dipl.-Psych. Susanne Keck

Schachnerstrasse 5

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