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Sei die Liebe, die du nie bekommen hast! oder: Überwinde alte Muster ... aber nicht zu schnell!

Wie Muster in der Kindheit entstehen, warum sie ein Ausdruck unbewusster Weisheit sind und wie Sie sie - nicht zu schnell - loswerden, indem Sie sich selbst das geben, was Sie als Kind nicht bekommen haben!

  

Die "bösen" Kindheitsmuster!

Wir alle lernen im Laufe unserer Kindheit bestimmte Verhaltensweisen, die wir später oft als "Muster" bezeichnen. Solche Muster können ganz unterschiedlich aussehen: manche Menschen sind immer für alle anderen da, nur nie für sich selbst; andere haben sich eine Mauer gebaut, um sich vor Verletzungen zu schützen. Manche funktionieren und leisten, um sich endlich wertvoll zu fühlen; andere sabotieren sich selbst, als ob sie ihren eigenen Erfolg um jeden Preis vermeiden wollten.

Oft sind es besonders die Krisenzeiten in unserem Leben, die uns zeigen, dass wir aus manchen dieser "Muster" herauswachsen müssen. Krisenzeiten sind immer Zeiten des Wandels und des Wachstums und oft ist ein Teil davon, den alten Kleidern zu entwachsen, wie eine Schlange sich häutet oder ein Schmetterling aus der Puppe schlüpft.

Ich verstehe das Bedürfnis vieler Menschen danach, diese alten Muster dann möglichst schnell loswerden zu wollen. Viele meiner Klienten/innen sagen, es wäre doch total "doof" und "idiotisch" alte Kindheitsmuster bis ins Erwachsenenleben weiterzutragen, vor allem, wenn sie sich irgendwann als dysfunktional und wenig hilfreich erweisen.

 

Kleine Indianer kennen keinen Schmerz! Beispiele aus meiner Praxis:

Ein Klient von mir z.B. hat als Junge gelernt (wie viele andere Männer auch!), dass er keine Schwäche (also Schmerz und Gefühle wie Traurigkeit, Verzweiflung etc.) zeigen durfte. Es gab einige Kindheitserinnerungen, in denen er von seinem Vater dafür beschämt wurde, dass er sich "schwach" zeigte und so hat er es sich abgewöhnt. Oder besser gesagt: sobald solche Gefühle in ihm aufkamen, hat er sie ganz schnell weggeschoben. Als er durch ein berufliches Scheitern in eine Krise geriet war sein größtes Problem, sich die eigene Schwäche nicht eingestehen zu können. Er selbst wusste nicht, wie er mit seiner eigenen emotionalen Bedürftigkeit umgehen sollte.

Eine Klientin von mir hat als Tochter einer depressiven Mutter gelernt, immer für andere da zu sein und keine Probleme zu machen. So lässt sie sich mittlerweile im Job zu viel gefallen und arbeitet bis zum Burnout. Sie wusste nicht, wie sie für sich einstehen und über ihr eigenes Pflichtbewusstsein hinweggehen sollte, das ihr sagte, dass sie kein Recht dazu habe, andere im Stich zu lassen.

Beide empfanden tiefe Scham darüber, dass sie als erwachsene Menschen nicht so einfach in der Lage waren, diese alten Muster zu überwinden. Warum konnten sie es nicht? Die Antwort ist einfach:

 

Jedes Problem war einmal eine Lösung!

 

Muster sind keine Krankheit

sondern wichtige und wertvolle Ressourcen! Sie sind ein Ausdruck einer tiefen unbewussten Weisheit in uns und sie sind alles, nur sicher kein Fehler oder etwas, dessen man sich schämen müsste. Sie sind unsere Art gewesen, uns an die Umstände unserer Kindheit anzupassen und dafür zu sorgen, dass wir dazugehören, dass wir unseren Platz finden, dass das System erhalten bleibt. Kinder nehmen viel auf sich und erscheint mir unfair, wenn Sie sich als Erwachsener dafür kritisieren.

Natürlich hätten wir uns oft gewünscht, unsere Eltern (oder die Menschen, die für uns da waren), hätten sich anders verhalten können, hätten an manchen Stellen liebevoller, präsenter oder zuverlässiger sein können. Dann hätten wir diese Muster vielleicht nicht ausbilden müssen. Mein Klient wünschte sich zurecht einen Vater, der ihn auch "schwach" akzeptiert, meine Klientin sehnte sich zurecht danach, dass sich auch einmal jemand für ihre Bedürfnisse interessiert. Das sind verständliche Wünsche. Nur war es nicht so. Und als Kinder haben wir auf unsere jeweilige Art sehr intelligent auf diese Realitäten reagiert.

Wenn wir diese Muster in der Kindheit nicht ausgeprägt hätten, dann wären wir heute nicht die Menschen, die wir sind.

 

Erwachsen werden heißt, sich das zu geben, was die Eltern nicht geben konnten

Natürlich wollen wir diesen in der Kindheit ausgeprägten Strategien irgendwann entwachsen und das ist auch gut so. Nur entwachsen wie ihnen nicht schneller, wenn wir uns für sie verurteilen oder sie als "idiotisch" oder "kindisch" abwerten. Wir entwerten uns und unseren individuellen Lebensweg, wenn wir unsere kindlichen Lösungen und Strategien, die uns oft ein Überleben in unserem Familiensystem möglich gemacht haben, abwerten.

Wir dürfen dieses Kind in uns lieben und schätzen und gleichzeitig wirklich erwachsen werden. Erwachsen werden in dem Sinne, dass wir erkennen, dass wir nicht mehr darauf angewiesen sind, in unserem alten Familiensystem zu überleben, denn das haben wir bereits. Wir haben überlebt! Dank der alten "Muster"!

 

Es ist unsere Aufgabe als Erwachsene, dem Kind in uns Vater und Mutter zu werden.

 

Wir müssen nicht mehr darauf warten, dass unsere Eltern die besseren Eltern werden!

Mein Klient muss nicht warten, bis sein Vater ihn auch in seiner "Schwäche" annimmt und meine Klientin muss nicht warten, bis ihre Mutter von der Depression geheilt endlich für sie da sein kann. Sie können sich selbst das geben, auf was sie gewartet haben: Liebe und Zuwendung, die Erlaubnis für sich einzustehen und die eigenen Bedürfnisse wahr- und ernstnehmen zu dürfen. Wenn wir wirklich erwachsen werden und den alten Mustern entwachsen wollen, dann müssen wir uns das geben, was wir nicht bekommen haben, um neue Handlungsmöglichkeiten ausprägen zu können.

Oh Mann, denken Sie jetzt vielleicht: das ist ja harter Tobak, das ist gar nicht so einfach. Uff, wie soll das gehen?

 

Sich selbst so annehmen, wie Sie sind!

Stimmt, es ist nicht so einfach und deshalb fallen wir immer wieder in die "alten Muster" zurück. Und das ist auch gar nicht schlimm, denn sie sind ja nichts Schlechtes. Sie sind etwas sehr Weises, dessen Sie sich nicht zu schämen brauchen. Sie dürfen sich genau so annehmen, mitsamt den irrationalen, kindlichen Mustern!

Und jedesmal, wenn Sie wieder bemerken, dass Sie sich dem alten Muster gemäss verhalten, können Sie sich erneut fragen, was Sie von sich selbst brauchen, um anders fühlen und handeln zu können. Was braucht ihr inneres Kind, das dieses Muster seinerzeit entwickelt hat? Braucht es Sicherheit, Trost, Halt, Liebe, Mitgefühl, Verständnis? Und so lernen Sie mit jeder "Runde" dazu.

Insofern plädiere ich dafür, diese Muster nicht zu schnell abschütteln zu wollen. Manchmal brauchen wir sie noch eine Weile und je mehr wir sie schätzen können als etwas, das lange Zeit eine Lösung war, desto leichter wird der Wandel vonstatten gehen.

Kontakt

Dipl.-Psych. Susanne Keck

Schachnerstrasse 5

81379 München

 

mail(at)susanne-keck.de