Anleitung um sich richtig mies zu fühlen

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In Anlehnung an Watzlwaiks berühmte Anleitung zum Unglücklich-sein, nun meine ebenso nicht ganz ernst gemeinte Anleitung, um sich richtig mies zu fühlen.

 

Eine Frage:

Dürfen Sie sich nur dann als wirklich wertvoll empfinden, wenn Sie in jeder Hinsicht kompetent, tüchtig und leistungsfähig sind?

 

Wahrscheinlich antworten Sie spontan mit Nein. Denn natürlich wissen Sie, dass man unmöglich in jeder Hinsicht, in allem und immer gleichermaßen kompetent, tüchtig und leistungsfähig sein kann. Aber dennoch gibt es vllt auch bei Ihnen öfter mal eine kleine nagende Unzufriedenheit, wenn Sie in etwas nicht so gut waren, es nicht so perfekt geworden ist …

 

Falls Sie mit "ja" geantwortet haben, dann erfüllen Sie eine wichtige Voraussetzung, um sich richtig mies zu fühlen und Sie befinden Sie sich in bester Gesellschaft! Der große Psychologe und Psychotherapeut Albert Ellis hat die 11 meist verbreitetsten, wie er sie nennt, "dysfunktionalen" Gedanken der Menschheit gesammelt und dieser kommt auf Platz 2 hinter dem Gedanken, von allen geliebt bzw. gemocht werden zu wollen.

 

Geliebt bzw. gemocht zu werden und sich selbst als wertvoll zu empfinden sind zweifelsfrei wichtige Bedürfnisse, keine Frage. Doch wenn wir uns richtig mies fühlen wollen, dann dürfen wir uns nicht mit weniger zufrieden geben, als VON ALLEN gemocht bzw. geliebt zu werden und uns IN JEDER HINSICHT und IMMER kompetent, tüchtig und leistungsfähig zu fühlen. Das heißt: sobald jemand auch nur vermutlich etwas an uns auszusetzen hat oder nicht ganz zufrieden mit uns scheint oder wenn wir uns auch nur ein bisschen weniger leistungsfähig oder kompetent fühlen, dann ist das eine mittlere Katastrophe! Wenn der Chef komisch schaut, wenn der Kuchen nicht gelungen ist, wenn das Kind sich nicht gleich beruhigen lässt, wenn die Kollegin etwas besser hinbekommen hat … das sind vielleicht keine großen Probleme, aber genug, um sich wenigstens ein bisschen mies zu fühlen.

 

Albert Ellis nannte das "Absolute Forderungen", die wir an uns stellen, und die meist mit Gedanken einhergehen, die mit "muss...", "müsste..." oder "sollte..." beginnen. Sie wissen sicher am besten, was Sie noch "müssen" oder "müssten" oder was Sie auf alle Fälle noch „sollten“, bevor Sie sich ok fühlen dürfen ...

  • Ich müsste noch die Wohnung putzen
  • Es sollte sauber sein
  • Ich muss noch die E-Mail beantworten
  • Der Posteingang muss am Ende des Tages leer sein
  • Ich müsste noch XY anrufen
  • Ich muss meine ToDos erledigen
  • Ich muss etwas Anständiges kochen, sonst bin ich keine gute Mutter!

Um sich erfolgreich und am besten dauerhaft mies zu fühlen, ist es gut, wenn Sie ein reichhaltiges Repertoire an Dinge haben, die Sie "müssen" oder "müssten" und dass es immer mehr ist, als Sie realistischerweise an einem Tag schaffen können bzw. wollen. Am besten, Sie verknüpfen diese absoluten Forderungen an sich selbst mit globalen Selbstbewertungen, d.h. es ist nicht so, dass Sie sich gut finden, unabhängig davon, ob Sie Ihre absoluten Forderungen schaffen oder nicht (deshalb heißen Sie ja auch "absolut"). Nein! Wenn Sie es nicht schaffen, dann stimmt mit Ihnen etwas ganz und gar nicht! Wenn Sie Ihre ToDos nicht fertigbekommen, dann bedeutet das nicht einfach, dass Sie sich vielleicht zu viel vorgenommen haben oder dass es ganz normal ist, dass man sich da mal verschätzt!

 

Nein: es bedeutet, dass Sie nicht gut genug sind und sich mies fühlen sollten. Wenn Sie Take-out bestellen statt frisch zu kochen, dann bedeutet das nicht, dass Sie in einer zeitknappen Situation gut für sich und Ihre Familie sorgen, sondern dass Sie als moderne Mutter versagt haben.Wenn Sie Ihren Freund nicht zurückrufen, dann bedeutet das keinesfalls, dass Sie einfach Ruhe brauchen und sich dann melden, wenn es sich richtig anfühlt (wo kämen wir denn da hin!), sondern dass Sie kein guter Freund sind. Wenn Sie dann auch noch die Folgen Ihres Versagens - wie Ellis es nennt - katastrophisieren, dann fühlen Sie sich mit Sicherheit richtig mies!

 

Wenn Sie Ihre ToDos nicht schaffen, dann sind Sie nicht nur ein Versager, sondern werden es im Leben sicher zu nichts bringen - im Gegensatz zu allen anderen, die total erfolgreich sind. Wenn Sie nicht frisch kochen, dann werden Sie zum Gespött aller Mütter und werden es nie schaffen deren hohen Standard erreichen zu können. Und wenn Sie sich nicht bei Ihrem Freund melden, dann bedeutet das nicht weniger, als dass Sie alleine und einsam sterben werden, weil niemand mehr etwas mit Ihnen zu tun haben will. Vielleicht denken Sie jetzt, dass das etwas übertrieben ist! Falls ja, dann haben Sie Recht! Ja, es ist total übertrieben. Und dennoch funktioniert unser Denken ja oft genauso!

 

Beobachten Sie es einmal! Vielleicht sind Sie auch noch nie auf die Idee gekommen, diese Gedanken – also diese „Absoluten Forderungen“ und die „globalen Selbstbewertungen“ – wie Ellis sie nennt – infrage zu stellen. Vielleicht haben Sie einfach angenommen, diese Gedanken wären wahr. Ja, bei ordentlichen Menschen ist die immer Wohnung sauber. Ja, tüchtige Menschen machen Dinge eben immer 100 %ig. Oder: ja, ich müsste freundlicher/leistungsfähiger (oder was auch immer) sein, dann würden mich auch alle mögen oder respektieren. Und nachdem Sie diesen „absoluten Forderungen“ bisher wahrscheinlich nie gänzlich nachkommen konnten, war da vllt immer dieses latente oder weniger latente Gefühl der Unzulänglichkeit. Willkommen im Club!

 

Wahrscheinlich haben wir alle solche „Absoluten Forderungen“ in uns, die wir als Kinder aufgeschnappt haben. Und vermutlich haben wir alle eine beträchtliche Zeit unseres Lebens damit zugebracht, zu versuchen, ihnen nachzukommen. Und sicherlich haben wir das nicht geschafft und haben uns entsprechend mies gefühlt und an uns selbst bezweifelt. Jetzt dämmert es Ihnen vielleicht langsam, dass Sie – wie wir alle - von total falschen Tatsachen ausgegangen sind, denn tatsächlich ist keiner dieser Gedanken wahr. Nirgendwo steht, dass Sie das alles müssen oder sollten. Und nirgendwo steht, dass Sie irgendwie minderwertig seien, wenn Sie es nicht schaffen, völlig unrealistischen Erwartungen nachzukommen! Es ist einfach nur ein ganz großes Missverständnis!

 

Das genährt wird aus unserer tiefen menschlichen Angst, nicht gut genug zu sein und deshalb nicht dazuzugehören oder nicht geliebt oder respektiert zu werden. Aber mal ganz ehrlich: finden Sie denn die Menschen, die Ihnen nah sind und die Sie mögen, nicht gerade deshalb liebenswert, weil sie nicht perfekt sind? Und könnte das nicht auch für Sie selbst gelten? Aber Moment: ich werde hier ja dem Titel dieser Podcastepisode gar nicht gerecht: jetzt habe ich ja schon verraten, wie Sie sich richtig gut fühlen können: nämlich, indem Sie diese „Absoluten Forderungen“ mal einer tief gehenden Inspektion unterziehen! Inwieweit diese eigentlich wahr sind und inwieweit sie ihnen wirklich Raum in Ihrem Leben geben wollen! Vllt wäre es eine Überlegung wert, stattdessen davon auszugehen, dass Sie Ihr Bestes tun und ein wertvoller Mensch sind, egal ob Sie etwas erreichen oder nicht! Ich weiß, ich weiß – bei uns westlichen Erfolgsmenschen kommt dann gleich die Befürchtung: aber dann strenge ich mich doch nicht mehr an! Ich würde sagen: probieren Sie’s mal aus! Vielleicht stellen Sie fest, dass Sie Ohne die ständige Angst, nicht gut genug zu sein, noch viel mehr leisten?

 

Falls Sie Lust haben Ihre "dysfunktionalen" Gedanken – also die „Absoluten“ Forderungen und die „Globalen Bewertungen“ zu identifizieren und infrage zu stellen, dann empfehle ich Ihnen den Schnupperabend "Ich muss! Ist das wahr?", den ich heute Abend am 31.07.2020 anbiete. Da zeige ich Ihnen, wie Sie diese „Muss“-Gedanken identifizieren und mithilfe der Methode The Work of Byron Katie infrage stellen können. 

 

Kontakt

Dipl.-Psych. Susanne Keck

Schachnerstrasse 5

81379 München

 

mail(at)susanne-keck.de