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Wie ich meine narzisstische Mutter überlebt habe! Oder: Vom Vorwurf in die Eigenverantwortung

Hier ein kleiner Hinweis für Sie: Ich habe diesen Blogbeitrag auch in meinem Podcast 'Das blühende Leben' vertont. 

Am Ende des Blogartikel können Sie sich die Episode anhören!

Heute geht es um meine Mutter...Nein eigentlich geht es um mich! Denn ich bin weit davon entfernt, meine Mutter verantwortlich zu machen für meine Probleme. 

 

Heute bin ich weit davon weg ihr die Schuld zu geben... aber das war natürlich nicht immer so. Meine Mutter war eine Narzisstin. Das bedeutet, dass sie ein sehr fragiles Selbstwertgefühl hatte und sehr viel Aufmerksamkeit und Bestätigung brauchte. Kritik und Misserfolg konnte sie nicht gut vertragen. Ich war ein Wunschkind meiner Eltern und meine Mutter hat sich in meiner Kindheit rührend um mich gekümmert. Ihr war es wichtig, dass ich gefördert und umsorgt werde. Von meinem Vater wurde ich wie eine kleine Prinzessin verwöhnt. Eigentlich traumhafte Zustände, könnte man denken! 

 

Doch unterschwellig scheine ich früh verstanden zu haben wie wahnsinnig wichtig ich für das Glück und das seelische Gleichgewicht meiner Mutter und die Ehe meiner Eltern war. Ich wurde ein Traumkind. Sie sonnten sich in ihrer Tochter, die süß und intelligent war, die die beste in ihrer Grundschulklasse war und später auch an dem katholischen Mädchengymnasium für höhere Töchter.

 

Doch mit dem Beginn der Pubertät kippte die ganze Sache. Ich wurde sehr rebellisch, begann meinen Eltern Geld zu stehlen, Schule zu schwänzen, Joints zu rauchen und zerrissene Hosen zu tragen. Dies verursachte bei meiner Mutter eine solche Kränkung, dass sie mich mit 16 rausschmiss. Und sie konnte mir diese massive Rebellion weder verzeihen noch jemals verstehen, wodurch sie ausgelöst wurde. Erst viel viel später in einer eigenen Psychotherapie habe ich verstanden, dass das, was damals passiert ist eine Form von narzisstischem Missbrauch war: das Kind als Teil von sich selbst zu sehen, der positiv auf einen zurückspiegelt. Und die Unmöglichkeit, dieses Kind auf seinem Weg ins Erwachsenwerden loszulassen und zu einem eigenen Menschen werden zu lassen, der nicht nur dazu da ist, das zu tun, was die Mutter oder die Eltern brauchen. In der Heilung solcher Verletzungen, wie ich und hunderttausende von Menschen sie erlebt haben gibt es viele wichtige Aspekte.

 

Ich möchte heute zwei Aspekte herausgreifen: 

  1. Die Verletzungen und Kränkungen, die in der Kindheit und Jugend geschehen sind, klar zu benennen.
  2. Die volle Verantwortung für das eigene Leben und Wohlergehen zu übernehmen

 

Zu 1.  Es ist wichtig, die Kränkungen und Verletzungen, die in der Kindheit geschehen sind, klar zu benennen. Ich möchte erklären, warum ich denke, dass das wichtig ist. Mir ist klar, dass in der Welt von Coaching, Spiritualität und Persönlichkeitsentwicklung Eigenverantwortung großgeschrieben wird – eine Ansicht, die ich teile. Missstände im außen bzw. in der Vergangenheit anzusprechen ist da eher out. Schnell höre ich dann z.B. sowas wie „Meine Mutter war nicht so liebevoll zu mir …. Aber ich weiß ja, das ist ihre Sache und ich verstehe ja auch, dass sie es nicht leicht hatte … ich muss ja jetzt selbst liebevoll zu mir sein und darf ihr keine Vorwürfe machen.“

Ich sage: natürlich darfst du ihr Vorwürfe machen und es gibt auch dafür eine Zeit … nur bringt das meist nicht viel. Eine reine Anklage im Sinne von „Du hast mein Leben zerstört, wegen dir hasse ich mich selbst und komme im Leben nicht zurecht“ ist verständlich, aber bewirkt nicht viel mehr, als dass die Anklägerin oder der Ankläger hinterher wieder die altbekannten Schuldgefühle hat.

 

Hier muss man meiner Meinung nach differenzieren zwischen unseren inneren Kindanteilen und erwachsenen Anteilen. Wenn man so will, dann lebt unser verletztes inneres Kind bzw. Jugendlicher auch heute als Erwachsene noch in uns. Wahrscheinlich sind es sogar mehrere innere Kindanteile in unterschiedlichen Altersgruppen, die schmerzliche Erfahrungen mit den Eltern gespeichert haben. Für diese kindlichen Anteile ist die Zeit nicht vergangen und sie erleben die Kränkungen der Kindheit immer wieder. Wir merken das daran, dass sie öfter mal getriggert werden und wir in bestimmten Situationen wieder diese schmerzlichen Gefühle erleben: die Traurigkeit, nicht um unserer selbst Willen geliebt zu werden. Die Angst, nicht genügen zu können und dann ausgeschlossen zu werden. Die Wut, die Hilflosigkeit und die Scham.

 

Heute gibt es aber auch den Erwachsenen bzw.  die Erwachsene in uns. Und diese Erwachsenen können Anwälte der inneren Kinder werden! Kinder genauso wie innere Kinder sehen den Fehler immer bei sich und tun sich wahnsinnig schwer, die Missstände der eigenen Kindheit klar zu benennen. Das macht Angst und verursacht ihnen ungemeine Schuldgefühle, die wieder in einer Rechtfertigung des elterlichen Verhaltes münden: sie konnten eben nicht anders, ich habe es verdient, ich bin wirklich schuld! Nur Erwachsene können klar sagen: dass was da geschehen ist war unfair. Das was da geschehen ist war missbräuchlich. Und vor allem: das was da geschehen ist, war schlimm für dich, mein liebes inneres Kind. Ich sehe dich und verstehe deinen Schmerz. Nur unsere inneren Erwachsenen können das Kind klar in Schutz nehmen und den inneren Eltern sagen, dass ihr Verhalten nicht in Ordnung war. Und ich sage bewusst innere Eltern, denn das Ganze hat ganz und gar nichts mit den echten Eltern zu tun! Das ist mir wichtig: es geht hier nicht darum, zu den echten Eltern zu gehen und ihnen das zu sagen. Das bringt nie das, was man sich davon erhofft! Und es ist auch gar nicht nötig! Denn als Kinder haben wir die Botschaften unserer Eltern sehr gut verinnerlicht und folgen ihnen immer noch!

 

Das heißt, wir müssen gute innere erwachsene Eltern entwickeln, die das Kind in Schutz nehmen vor harter innerer Kritik und innerem Missbrauch. In meiner Praxis habe ich schon mit vielen inneren Kinder gearbeitet. Besonders bei emotional vernachlässigten und missbrauchten Kindern sehe ich immer wieder ein Muster, das ich 'Stockholm-Syndrom' nenne, obwohl es da nicht 100 %ig passt. Eigentlich beschreibt das Stockholm-Syndrom ein Phänomen, das entführte Menschen häufig zeigen: Nämlich, dass sie irgendwann während der Entführung die Meinung ihrer Entführer zu teilen beginnen, sich mit ihnen identifizieren und deren Handlungen in Schutz nehmen und rechtfertigen. Das geht manchmal so weit, dass sich Entführte in ihre Entführer verlieben oder ihrer Verbrechensorganisation beitreten. Bei den inneren Kindern, die ich kennenlernen durfte, zeigt sich dieses von mir so benannte 'Stockholm-Syndrom' darin, das Verhalten der Eltern in Schutz zu nehmen, zu rechtfertigen und die Schuld auf sich zu nehmen. Sie hatten Recht mich zu schlagen, ich habe es verdient. Sie hatten Recht mich nicht zu lieben, denn ich bin ja nicht gut genug. Sie hatten Recht grenzüberschreitend zu sein, denn ich bin ja schuld an ihren Problemen und wäre verantwortlich für ihr Glück! Deswegen ist es so wichtig, dass es einen inneren Erwachsenen gibt, der ganz klar sagt: für das Verhalten deiner Eltern bist du nicht verantwortlich, du hast es nicht verdient emotional oder physisch missbraucht oder vernachlässigt zu werden. Das was geschehen ist war von deinen Eltern nicht ok und du kannst die volle Verantwortung dafür an sie abgeben. Deine Eltern alleine sind für Ihre Lebenszufriedenheit verantwortlich. Das bedeutet auch, die schmerzlichen Gefühle der inneren Kinder zum Vorschein kommen zu lassen und den Kummer über die Kindheitserlebnisse ernst zu nehmen! Und wie schon gesagt: es geht nicht darum, darüber mit den echten Eltern zu sprechen, sondern dem inneren Kind zu helfen, aus der Schuldübernahme herauszufinden!

 

Zu 2: Das bringt uns zum zweiten Punkt! Nämlich die volle Verantwortung für das eigenen Leben und Wohlergehen zu übernehmen. Ich finde es wichtig klarzustellen, dass ein deutliches Benennen dessen, was geschehen ist und welche Folgen das für unser inneres Kind hatte UND gleichzeitig die volle Verantwortungsübernahme für das eigene Wohlergehen überhaupt kein Widerspruch sind! Uns ist wahrscheinlich allen klar, dass unsere Eltern auch nur Menschen mit einer eigenen Geschichte und eigenen Problemen sind bzw. waren. Diesen echten Eltern aus Fleisch und Blut Vorwürfe zu machen und von ihnen eine Änderung, Entschuldigung oder Wiedergutmachung zu verlangen ist meist fruchtlos und bringt niemanden etwas. Wenn unser inneres Kind sich bei uns sicher, geliebt und aufgehoben fühlt (aber auch erst dann!) macht es Sinn, sich mit der Geschichte der Eltern zu befassen und Verständnis dafür zu entwickeln, warum diese Eltern bzw. dieser Elternteil sich so verhalten hat, wie er oder sie sich verhalten hat.

 

Tut man das, wenn das innere Kind noch sehr verletzt ist, dann wird es sich dadurch immer wieder unverstanden und im Stich gelassen fühlen. Das, was uns als Kindern widerfahren ist hatte natürlich Konsequenzen für unser Leben. Doch das hat es ab einem bestimmten Alter nicht mehr nur wegen des Verhaltes unserer Eltern, sondern weil wir das Verhalten unserer Eltern innerlich übernehmen. Wir fangen an uns so zu behandeln, wie unsere Eltern uns behandeln bzw. wie wir uns behandelt fühlten. In meinem Fall z.B. hieß das, dass ich verinnerlicht habe, dass ich nichts falsch machen darf, denn das hat furchtbare Konsequenzen, nämlich Beschämung, Liebesentzug und Ausgeschlossen-Werden.

 

Ein Muster, das sicher viele kennen. Wenn ich nun denke, dass meine echte Mutter ihr Verhalten ändern müsste, dann würde mir das ab einem bestimmten Punkt gar nichts mehr nützen, denn ich kann mich erfolgreich selbst Scheiße behandeln. Ich erzähle mir selbst, dass ich wertlos und inakzeptabel bin. In der Hoffnung dadurch den Wünschen meiner Eltern mehr entsprechen zu können.

 

Deshalb bleibt uns gar nichts anderes übrig, als die Verantwortung zu übernehmen und einerseits unsere kritischen und abwertenden inneren Stimmen in die Schranken zu weisen und andererseits einen liebevolleren innen Umgang mit uns zu finden. Ich bin nach jahrzehntelanger Eiszeit zwischen mir und meiner Mutter, die noch viele Jahre nach ihrem Selbstmord im Jahre 2002 anhielt, heute in liebevoller Verbindung mit ihr. Ich trage ihr nichts nach und ich habe Mitgefühl für ihren schwierigen Weg, der schließlich im Suizid endete. Dazu war es aber notwendig, klar zu benennen, was vorgefallen war und zuerst Verständnis und Mitgefühl für mich selbst zu entwickeln bevor ich Verständnis und Mitgefühl für sie entwickeln konnte!

 

Eine große Hilfe war mir dabei neben der Arbeit mit dem inneren Kind und den inneren Eltern The Work of Byron Katie.

Wenn Sie das interessiert, dann seien Sie dabei, wenn es in nächste Zeit um 'Mamaaa- Frieden schließen mit Ihrer Mutter' geht. 

 

Hier geht es zum kostenlosen Schnupperabend am 28.08.20 von 18-20 Uhr 

Hier finden Sie Infos zur Online Seminarreihe am 11.09/18.09/25.09.20  jeweils 18-20 Uhr 

Hier geht es zum Intensiv-Seminar am 14.11. und 15.11.2020 10-13 Uhr und 14.30-17.30 Uhr 

 

 

Kontakt

Dipl.-Psych. Susanne Keck

Schachnerstrasse 5

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