Der richtige Weg zu trauern - Gibt es überhaupt ein richtig oder falsch?

Hier ein kleiner Hinweis für Sie: Ich habe diesen Blogbeitrag auch in meinem Podcast 'Das blühende Leben' vertont.  Am Ende des Blogartikel können Sie sich die Episode anhören!

In der Nacht vom 13. auf den 14.09. 2002 ist mein Vater überraschend mit 62 an einem schweren Herzinfarkt verstorben. Sein Todestag jährt sich also am kommenden Montag zum 18. Mal. Danach war in meinem Leben nicht mehr viel wie vorher. Meine Mutter, mit der ich eine denkbar schlechte Beziehung hatte und der es schon viele Jahre vorher psychisch nicht gut ging kam mit seinem Tod erwartungsgemäß gar nicht zurecht und nahm sich 7 Wochen später das Leben. Zudem endete 7 Wochen nach ihrem Tod meine damalige, durch bestimmte Umstände eh schwierige Beziehung bzw. sie trat in eine On/Off Phase ein, die die Lage für mich nicht besser machte. Mir fehlte jedoch die Kraft die Beziehung zu beenden.

 

Die folgenden Wochen und Monate verbrachte ich wie in einem Nebel. Ich durchstand zwei Beerdigungen, zwei Mal Erbschaftsangelegenheiten und viele Menschen dachten bestimmt, ich sei stark. In Wahrheit war ich vielleicht auch stark, aber in erster Linie war ich die meiste Zeit weit entfernt von mir selbst. Diesen Zustand, in dem man sich wie im Nebel oder manchmal wie in einem schlechten Film fühlt, kennen viele Menschen nach Trauerfällen. Je plötzlicher und potenziell traumatischer ein Todesfall ist, desto intensiver und länger anhaltend kann dieser Zustand sein. Noch viele Jahre nach diesem katastrophalen Herbst und Winter 2002 begann für mich mit dem 13.9. die finstere Zeit des Jahres.

Ich liebe den Sommer und wenn der Herbst mit seiner Dunkelheit und feuchten Kälte daherkam, war ich schon immer gerne ein bisschen deprimiert. Doch seit dem Tod meiner Eltern und der traumatischen Verlusterlebnissen im Jahr 2002 begann jedes Jahr mit dem 13.9. eine Art Wiedererleben der Kette tragischer Ereignisse bis hin zu Weihnachten und Silvester, die im Jahr 2002 alles andere als angenehm waren.

 

Auch das kennen viele Menschen: Jedes Jahr zu bestimmten Daten kommen die Erinnerungen wieder hoch, sei es an den Todestagen, Geburtstagen oder an traditionellen Familienfesten wie Weihnachten … zudem gibt es bestimmte Orte, die mit den Erinnerungen an einen verstorbenen Menschen verknüpft sind. Ich mied das Grab meiner Eltern oder den Wohnort viele Jahre lang. Zu sehr waren diese Orte mit der Verzweiflung, aber auch mit Schuldgefühlen verknüpft. Viele Todesfälle, aber insbesondere Suizide lösen bei Hinterbliebenen meist massive Schuldgefühle aus, die wir natürlich gerne wegschieben. Auch unser Umfeld signalisiert uns ja, dass wir wirklich nichts dafür können und auf der Verstandesebene begreifen wir das auch. Dennoch kenne ich persönlich niemanden, der einen Angehörigen oder Freund durch Selbstmord verloren hätte, der keine Schuldgefühle hatte.

 

So quälte ich mich also viele Jahre durch den Herbst, voll damit beschäftigt die Flut schmerzlicher Gefühle, die da lauerten, in Schach zu halten. Und fühlte mich oft wieder ähnlich im Nebel, wie in dem Herbst, als das alles tatsächlich passiert ist. Ich war auf der Flucht! Nun können Sie sagen: aber die Frau ist doch Psychologin und Psychotherapeutin, die muss doch wissen, dass man vor solchen unerledigten Geschäften nicht davonlaufen sollte. Und dass es auch gar nichts bringt, da die Gefühle es ja dennoch ab und zu schaffen durchzukommen …Ich kann nur sagen, dass es einem an der Stelle gar nichts hilft vom Fach zu sein, denn die Angst vor der Trauer, vor der Verzweiflung und den Schuldgefühlen ist so groß, dass jedes Wissen gar nichts nützt. Und auch das kennen sicherlich viele von Ihnen, egal ob es sich um einen Trauerfall oder eine andere schwierige Situation handelt: manchmal rennen wir vor schmerzlichen Gefühlen davon. Und das ist auch erstmal gar nicht schlimm, denn unser Organismus hat eine Art Schutzsystem, das uns davor bewahrt, vollkommen überwältigt zu werden. Das nennt man Dissoziation und wenn wir uns wie im Nebel fühlen und uns schlimme Situationen unwirklich oder wie im Film vorkommen, dann haben wir es meist damit zu tun. Da baut sich eine Art Schutzwall zwischen uns und der blanken Realität auf, die uns davor bewahrt unsere Emotionen zu stark empfinden. Denn wir haben einfach Angst, dass uns diese Gefühle umbringen könnten, dass sie uns in so ein schwarzes Loch ziehen, dass wir da nicht mehr rauskommen. Und oft bleibt das auch so:  jedes Mal, wenn wir uns dann später an die Situation erinnern oder erinnert werden und wir beginnen, die damit assoziierten Gefühle zu spüren, tritt wieder das Nebelgefühl ein. Oder wir tun aktiv etwas dafür, dass die Gefühle nicht zu weit gehen: wir lenken uns ab, trinken ein Glas Wein, schauen eine Serie oder flüchten uns in die Gefühllosigkeit der Depression …

 

Ich halte das alles ein stückweit für vernünftig, denn wir wissen eigentlich ganz genau, was wir aushalten können und was nicht, wann es Zeit dafür ist, sich einem Thema zu stellen und wann nicht. Doch irgendwann kommt bei vielen Menschen der Punkt, an dem sie denken, dass es so nicht weitergehen kann. Bei mir kam er jedenfalls! An dieser Stelle halte ich es für Sinnvoll mal kurz über sogenannte Phasen der Trauer zu sprechen. Es gibt zwei ganz berühmte Phasen-Einteilungen, eine von Verena Kast und eine von Elisabeth Kübler-Ross:

 

Die von Verena Kast lauten:

  1. Phase: Nicht-Wahrhaben-Wollen
  2. Phase: Aufbrechende Emotionen
  3. Phase: Suchen und Sich-Trennen
  4. Phase: Neuer Selbst- und Weltbezug

Die von Kübler-Ross lauten:  

  1. Phase: Leugnen
  2. Phase: Zorn
  3. Phase: Verhandeln
  4. Phase: Depression
  5. Phase: Akzeptanz

 

Beide Frauen haben viel für das Verständnis von Trauer getan und sich dafür eingesetzt, dass Tod und Trauer wieder mehr Akzeptanz in unserer Gesellschaft bekommen. Dennoch bin ich kein Fan von solchen Phasen-Einteilungen, da sie in meiner Erfahrung viele Menschen unter Druck setzen mit der Frage: Trauere ich richtig? Müsste ich nicht schon in der nächsten Phase sein? Wie lange darf man denn Nicht-Wahrhaben-Wollen oder Leugnen? Wie lange soll man denn zornig auf Gott und die Welt sein? Und muss man denn nicht am Ende bei der Akzeptanz anlangen? Ich finde, auf alle diese Fragen kann es keine allgemein-gültige Antwort geben. Ich war jahrelang im Zustand des Nicht-Wahrhaben-Wollens und kann rückblickend nicht sagen, dass ich es kürzer hätte machen können. Zudem ist man öfter auch abwechselnd in verschiedenen Phasen oder in gemischten Phasen. Es ist nicht so, dass man eine Phase abhakt (check) und dann arbeitet man sich durch die nächste (check). Es gibt Rückfälle, Vermischungen.

 

Ich kann nur für mich sagen, dass ich mich dem Thema letztlich stellen musste, weil ich drohte richtig depressiv zu werden. Und aus dieser Erfahrung kann ich ein paar vielleicht falsche Vorstellungen richtigstellen, die man als trauernder nicht-wahrhaben-wollender Mensch hat und die einen davon abhalten könnten, den Sprung in die Gefühlssuppe zu wagen. Ich stellte ich fest, dass die Gefühle, die ich nicht wahrhaben wollte, gar nicht so überwältigend waren, wie ich dachte. Durch das ständige Wegschieben und Dissoziieren, entsteht ja eine immer größer werdende Angst davor. Das ist menschlich: je länger man sich etwas nicht stellt, desto größer wird die Erwartungsangst, was da Schreckliches passieren würde, wenn man es täte. Man erwartet Flutwellen, die einen am Ende umbringen können. Man wagt kaum, wirklich hinzuschauen. Doch im Vergleich zu dem, was ich mir vorstellte, war die tatsächliche Trauer, Verzweiflung und auch die Schuldgefühle zwar groß, keine Frage, aber ich konnte sie Stück für Stück verdauen. Sie brachte mich nicht um, sie kostete mich nicht meinen Verstand oder mein Selbstwertgefühl. Im Gegenteil! Ich hatte das Gefühl, dass dadurch, dass ich diese blockierten Gefühle Stück für Stück sozusagen abarbeitete, ich auch Stück für Stück mein Leben wieder zurückbekam.

 

Die Sache ist nämlich die, dass wie Gefühle nicht selektiv wegdrücken können. Wir können nur Gefühle insgesamt wegdrücken. Das heißt, wenn wir die sogenannten negativen Gefühle nicht haben wollen, dann können wir auch die positiven nicht haben. Dann versinkt das ganze Leben ein stückweit in eine Mittelmäßigkeit. Es gibt keine große Trauer, aber auch keine große Freude. Zudem kostet das Wegdrücken von solchen großen Gefühlen bzw. Themen im Leben auch Energie. Ich merkte deutlich, dass ich wieder mehr Energie und Lebensfreude bekam, als ich mich den Dämonen stellte, die dann gar nicht so destruktiv waren, wie ich es mir vorstellte. Was ist denn das Ziel von sogenannten Trauerarbeit? Vielleicht stellen Sie sich vor, dass Sie den verlorenen Menschen am Ende nochmal verlieren müssen? Jetzt haben Sie ihn schon verloren und jetzt sollen Sie ihn oder sie nochmal verlieren, indem Sie aufhören müssen ihn/sie zu lieben oder als Teil des eigenen Lebens zu betrachten. Das ist eines der schlimmsten Missverständnisse, die die Trauerpsychologie über Jahrzehnte verbreitet hat. Akzeptanz oder Neuer Selbst- und Weltbezug wurde oft so gedeutet, dass das heißt, wir sollen ohne die Verstorbenen weiterleben. Ich halte das in den meisten Fällen für völlig falsch! Sicher gibt es Beziehungen zu Verstorbenen, wo es darum geht, sich zu distanzieren. Aber in den meisten Fällen bleiben Verstorbene ein Teil unseres Lebens und das sollen sie auch! Trauer heißt nicht nur Abschied nehmen von dem gemeinsamen Leben, das man bisher hatte. Es heißt auch, sich wiederfinden. Trauer ist auch Beziehungsarbeit, denn wir haben ja mit unseren Verstorbenen weiterhin eine Beziehung, eben eine gute oder eine schlechte. Eine Beziehung endet nicht mit dem Tod! Sie muss geklärt und verändert werden, sodass ein Weiterleben mit dem verstorbenen Menschen möglich ist, dass er oder sie einen guten angemessenen Platz in Ihrem Leben hat. Angemessen für Sie und nicht für irgendjemand anderen!

 

Wenn Sie jeden Tag mit Ihrer verstorbenen Frau sprechen wollen und Sie das gut finden, dann ist das alleine Ihre Sache! Früher sagte man dann oft, jemand sei noch nicht über den Tod hinweg! Ich würde das ganz anders sehen! Wir sind hinweg, wenn wir eine gute Beziehung zu dem verstorbenen Menschen haben, mit genau der richtigen Nähe oder Distanz, wenn der Gedanke an den Menschen nicht mehr furchtbar wehtut, sondern auch mit guten Gefühlen assoziiert ist und sei es nur, weil wir die Vergangenheit mittlerweile so nehmen können, wie sie ist! Ich habe mittlerweile eine bessere Beziehung zu meinen Eltern, als zu ihren Lebzeiten! Ich hadere nicht mehr so viel mit ihren Entscheidungen und ich habe sie immer lieber als meine Eltern. Jetzt freue ich mich direkt darauf, am Montag zum Grab meiner Eltern zu fahren. Ich möchte an dieser Stelle alle, die ein solches oder ähnliches Thema mit sich herumschleppen und gleichzeitig davor davonlaufen ermutigen: das Davonlaufen und Vermeiden ist völlig ok und eine Zeitlang genau richtig. Aber falls Sie das Gefühl haben, es wäre jetzt langsam Zeit, dann fassen Sie sich ein Herz und suchen sich einen geeigneten Ansprechpartner oder Ansprechpartnern.

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Dipl.-Psych. Susanne Keck

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