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Was mir der Selbstmord meiner Mutter über Weisheit beigebracht hat...

Hier ein kleiner Hinweis für Sie: Ich habe diesen Blogbeitrag auch in meinem Podcast 'Das blühende Leben' vertont.  Am Ende des Blogartikel können Sie sich die Episode anhören!

 

In der letzten Episode habe ich ja vom plötzlichen Tod meines Vaters im September 2002 berichtet. Nach seinem Tod war meine Mutter, die vorher schon psychisch sehr labil war, akut Suizid gefährdet. Sie sagte ziemlich bald nach seinem Tod, dass sie nun nicht mehr weiterleben wolle und könne.

 

Meine beste Freundin, meine Tante und ich hielten Tag und Nacht Wache an ihrem Bett, bis es nicht mehr ging und sie in die Psychiatrie eingewiesen werden musste. Nach 7 Wochen schaffte sie es trotz Psychiatrie, sich das Leben zu nehmen.

 

Gleichzeitig hatte ich eine Beziehung zu einem Mann, der gebunden war und zwar versuchte für mich da zu sein, so gut er konnte, das war jedoch nicht genug für mich in dieser – für alle ja überraschenden und völlig unvorhersehbaren Situation. Die Beziehung ging dann kurz vor Weihnachten 2002 auseinander bzw. es begann im Laufe des Jahres 2003 eine Art ‚On and Off Phase‘, die sich noch einige Zeit hinzog.

 

Warum ich das erzähle? Ich beschäftige mich in letzter Zeit viel mit dem Thema Kränkung und Verbitterung. Ich denke, jede bzw. jeder von Ihnen weiß, wie sich eine Kränkung anfühlt. Doch was ist eigentlich eine Kränkung? Warum ist man von manchen schlimmen Ereignissen schwer gekränkt und von anderen nicht? Und was, wenn man über eine Kränkung nicht hinwegkommt und darüber langsam bitter wird? Ich habe den Verdacht, dass mir das in der Zeit nach den dramatischen Ereignissen des Herbstes 2002 passiert ist.

 

Also zuerst mal zur Kränkung:

 

Kränkungen geschehen, wenn das Leben in für uns wichtigen oder zentralen Bereichen nicht so läuft, wie wir uns das wünschen. Vor allem, wenn unsere sogenannten narzisstischen – also das Selbstwertgefühl betreffende - Bedürfnisse nicht erfüllt werden, sind wir sehr schwer zu treffen. D.h. wenn uns wichtige Personen nicht die Zuwendung, Bestätigung, Anerkennung oder Beachtung schenken, die wir uns wünschen und die wir zu brauchen glauben. Gesehen werden, gebraucht werden, beantwortet werden, anerkannt werden … all das sind Dinge, die unseren Selbstwert stärken und die uns umgekehrt sehr tief kränken können, wenn sie uns vorenthalten werden von den Menschen, von denen wir sie erwarten. Das tut sehr weh, führt oft zu einer massiven Selbstwertbeeinträchtigung … und manchmal auch zu Verbitterung.

 

Verbitterung ist eine Reaktion auf eine massive Kränkung, die meist etwas mit Herabwürdigung, Ungerechtigkeit oder einem Vertrauensbruch zu tun hatte. Im Falle der Verbitterung sieht man als Betroffene oder Betroffener in wichtigen Grundüberzeugungen infrage gestellt, von denen man oft gar nicht weiß, dass man sie hat.

 

Zum Beispiel haben wir alle tiefsitzende Überzeugung darüber, wie Eltern, Liebespartner/innen, aber auch Chefs und Chefinnen, Nachbarn, Kolleginnen oder Freunde sich verhalten sollten. Viele von uns glauben tief in uns drinnen, dass, wenn wir anständige Menschen sind, uns anstrengen, für andere da sind, Opfer bringen, loyal sind etc., dass wir dann sozusagen vom Leben belohnt bzw. zumindest nicht bestraft werden. Das nennt man in der Psychologie „belief in a just world“, also den Glauben an eine gerechte Welt.

 

Wenn eine Kränkung zudem noch diese Überzeugung infrage stellt und wir uns ungerecht behandelt und massiv als ohnmächtiges Opfer der Umstände fühlen, dann heißt es willkommen in der Verbitterung und willkommen in meinem Herbst und Winter 2002/2003.

 

Ich dachte, in einer gerechten Welt sterben Väter nicht einfach mit 62 an einem Herzinfarkt und lassen einen mit einer psychisch kranken Suizid gefährdeten Mutter allein. In einer gerechten Welt würde gesehen werden, wie viel ich mit meinen Eltern schon durchgemacht habe, wie schwer mein Leben mit ihnen oft war und deshalb würde es nicht noch schlimmer werden. In einer gerechten Welt bringen sich Mütter per se nicht um. Punkt. In einer gerechten Welt hätte sich mein Psychologiestudium ausgezahlt und ich hätte meine Mutter retten können. Und allen voran: in einer gerechten Welt wird man nicht in so einer Situation von dem Mann verlassen, der einem gesagt hat, dass er einen liebt. Unter gar keinen Umständen! Niemals.

 

Trotzdem ich gar nicht besonders religiös bin, fand ich schon, dass ich in so einer Situation mit Gott hadern könnte und das tat ich auch: Was habe ich getan, um so bestraft zu werden? Was habe ich falsch gemacht, dass die drei in dem Moment gefühlt wichtigsten Menschen in meinem Leben mich der Reihe nach verlassen?

 

Mein Selbstwertgefühl war total im Eimer und ich konnte mich mit der Realität der Dinge einfach nicht arrangieren. Ich konnte das nicht akzeptieren. Denn das zu akzeptieren hätte bedeutet, meine Grundüberzeugung als unhaltbar zu erkennen. Und das konnte ich nicht – und das können viele gekränkte, verbitterte Menschen nicht.

 

Das hätte bedeutet anzuerkennen, dass es diese gerechte Welt nicht gibt. Und zwar Anerkennen ohne Resignation, sondern einfach als Tatsache: egal, wie sehr man sich bemüht, Väter sterben wann ihre Zeit gekommen ist, Mütter nehmen sich das Leben wann es ihnen passt und Männer entscheiden sich für oder gegen eine Beziehung wie es ihnen gefällt oder wie sie denken, handeln zu müssen. Und all das heißt nicht, dass mit einem irgendetwas nicht stimmt! Es ist einfach nur das Leben.

 

Es hat mich viele Jahre gekostet diese 'Kröte' erstmal zu schlucken.

Ich war so empört darüber, dass so etwas einfach so passieren darf, dass Gott so etwas geschehen lässt. Ich war mir sicher, dass ich das Recht dazu hatte, dass diese Menschen meine Bedürfnisse in die Waagschale werfen, dass sie mich sehen und erkennen, was sie mir damit antun. Ich war mir auch ganz sicher, dass meine Bedürfnisse für meinen Vater, meine Mutter, meinen damaligen Freund und unterm Strich ja auch für Gott Priorität zu haben hätten.

 

Ich kann mich gut erinnern, dass ich damals The Work of Byron Katie kennen lernte, in der man Glaubenssätze, die einen stressen, untersuchen kann. Die Gedanken, dass das alles nicht hätte passieren sollen, dass meine Bedürfnisse Beachtung hätten finden müssen, dass die Menschen sich anders hätten entscheiden müssen verursachten mir natürlich sehr viel Leid.

 

Doch ich stellte fest, dass mir die Alternative mindestens genauso schmerzhaft vorkam, wenn nicht noch schmerzhafter: damit Frieden zu schließen, dass es ebenso war.

Ich dachte: was ist das für eine scheußliche Welt, in der Menschen einfach wegsterben, sich umbringen und einen verlassen können, wie sie wollen? Ist das denn gerecht, ist das ok, dass jeder einfach verdammt nochmal machen kann, was er oder sie will, ohne Rücksicht?

 

Byron Katie spricht gerne von den 3 Arten von Angelegenheiten. Man könnte auch sagen, 3 Arten von Zuständigkeiten: es gibt meine Angelegenheiten, das sind meine Gedanken, meine Gefühle, meine Handlungen. Dann gibt es die Angelegenheiten der anderen, das sind die Gedanken, Gefühle und Handlungen anderer Menschen und zum Schluss Gottes Angelegenheit, das ist alles, was weder ich noch andere Menschen beeinflussen können, man könnte auch sagen, die Angelegenheit des Universums oder der Realität.

 

Ich lernte also, dass ich mit diesen Gedanken komplett außerhalb meiner eigenen Angelegenheiten war und mit beiden Beinen tief in den Angelegenheiten der anderen steckte. Der Tod meines Vaters ging sozusagen auf Gottes Konto, der Selbstmord meiner Mutter auf ihres und die Entscheidung meines Freundes auf seines.

 

Jedes 'sollte', 'hätte', 'könnte' änderte daran nichts. So sehr ich auch in Gedanken haderte, es änderte nichts, außer dass es mir damit schlecht ging. Es ist verdammt schwer, aus dieser Tretmühle heraus zu kommen und ich bin mir sicher, dass es nicht geht, ohne erstmal die 'Kröte' zu schlucken:

  • Niemand hat einen Anspruch darauf, dass andere sich nach den eigenen Vorstellungen richten
  • Niemand hat einen Anspruch darauf, dass die eigenen Bedürfnisse von anderen so befriedigt werden, wie wir uns das vorstellen.

So, jetzt habe ich es gesagt und so ist es aus meiner Sicht. So einen Anspruch zu haben, selbst wenn er sich darauf stützt, dass ich ja so ein guter aufopferungsbereiter Mensch bin, ist völlig realitätsfern und kann nur zu Enttäuschung führen – früher oder später.

 

Diese Erkenntnis gehört im Übrigen zu dem sogenannten Weisheitskompetenzen. Dazu gehören u.a.

  • die Fähigkeit die Perspektive zu wechseln und anzuerkennen, dass andere Menschen Gründe für ihre Entscheidungen haben
  • Sich selbst zu relativieren und zu erkennen, dass man Teil eines größeren Ganzen ist
  • Distanz zu sich selbst finden
  • Eigene Gefühle wahrnehmen und akzeptieren
  • Ungewissheit akzeptieren

Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass all diese Ereignisse mit weiser haben werden lassen und ich sehe das als großes Geschenk. Doch der Weg dahin war alles andere als leicht!

 

Und dann? Wenn das so ist, wer kümmert sich dann um mich? Wie soll ich in einer Welt leben, in der man sich auf nichts verlassen kann? Mit der Frage habe ich mich lange herumgeschlagen und sie voll und ganz zu beantworten ist fast unmöglich. Der Versuch führt uns sicher in eine zukünftige Podcast-Episode.

 

Doch soviel:

Es ist sicher keine schlechte Idee, sich mit den eigenen Angelegenheiten zu beschäftigen. Wenn gerade keiner da ist, der meine Bedürfnisse nach Beachtung, Bestätigung und Geborgenheit dann gibt es immer noch mich! Ich kann mir Mitgefühl, Liebe und Bestätigung schenken … ich weiß das aus eigener Erfahrung und ich weiß auch, dass es manchmal leichter ist darüber zu klagen, wenn es andere nicht tun!

 

Und andererseits gibt es da draußen noch so viele andere Menschen! Wir versteifen uns gerne darin, dass wir das genau von diesen Menschen brauchen, weil wir hoffen, dass die Kränkung damit ungeschehen gemacht werden könnte und weil wir es einfach nicht wahrhaben wollen, dass selbst Eltern und Liebhaber Menschen sind, die Entscheidungen treffen, die uns nicht gefallen und die schrecklich weh tun. Wenn wir uns davon freimachen können, dann können wir offen dafür sein, dass die Welt uns täglich mit so viel beschenkt.

 

 

Kontakt

Dipl.-Psych. Susanne Keck

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