Meine persönliche Reise von Selbstabwertung zur Selbstliebe

Hier ein kleiner Hinweis für Sie: Ich habe diesen Blogbeitrag auch in meinem Podcast 'Das blühende Leben' vertont. Am Ende des Blogartikel können Sie sich die Episode anhören!

Von Beginn meiner Selbstständigkeit im Jahr 2005 an quälte ich mich jahrelang mit der Buchhaltung und der Steuer.

 

Ich fühle mich so unfähig dazu, diesen Bereich meiner Arbeit zu bewältigen und ignorierte diese Tätigkeiten so gründlich, dass es bis zum Gerichtsvollzieher kam, der vor meiner Türe stand, um meine Schulden beim Finanzamt einzutreiben. Das Amt musste meine Steuer mehrere Jahre hintereinander schätzen, weil ich weder meine Buchhaltung machte noch eine Steuererklärung abgab.

 

Jahrelang quälte ich mich mit der Frage, was in Gottes Namen mit mir nicht stimmte. Ich dachte, alle anderen Menschen auf der Welt meistern dieses Thema, nur ich nicht! Ich fand, ich sei eine komplette Versagerin! Ich erging mich in Selbstabwertung bis hin zu Selbsthass, nur unterbrochen von Phasen, in denen ich mir vornahm, die Buchhaltung ab jetzt perfekt und absolut zuverlässig zu erledigen. Das hatte meist etwas damit zu tun, dass ich ein komplexes Ablage-System erdachte, einen Haufen Büro-Zubehör kaufte (neue Ordner, Ablagen, Etiketten etc.) und ggf. auch noch einen Büro-Organisationskurs absolvierte (das ist nicht übertrieben!).

Jedes Mal dachte ich: jetzt wird alles gut, ab jetzt ändert sich alles! Sie erraten sicherlich, wie das ausging! Genauso, wie alle Vorhaben nach dem Schema 'Jetzt wird alles anders!' ausgehen, nämlich mit einer fulminanten Niederlage! Das tolle Büro-Zubehör verstaubte, die Stapel mit unsortierten Kontoauszügen, Rechnungen und Belegen wuchsen. Und mit ihnen der Selbsthass!

Irgendwann bekam ich eine regelrechte Phobie meinem Arbeitszimmer gegenüber, das ich nicht mehr betrat und stattdessen in der Küche oder im Wohnzimmer arbeitete. Ich öffnete die Post nicht mehr und versuchte, allem, was mit Steuer und Administration zu tun hatte, aus dem Weg zu gehen. Ich konnte mich nicht mehr mit der Realität und dem Ausmaß meines Versagens und der damit einhergehenden realen Probleme konfrontieren!

Zweimal versuchten angeheuerte Büro-Kräfte auf Honorarbasis mir zu helfen, die Stapel zu sortieren und fehlende Belege zu beschaffen. Beide mussten im Angesicht des Chaos und meiner Unwilligkeit, mich mit dem Thema zu beschäftigen und mitzuhelfen, aufgeben!

Was war nur mit mir los? Ich konnte es mir nur mit einem grundlegenden Defekt erklären, der mich zu einem verantwortungslosen und inakzeptablen menschlichen Wesen machte! Und je mehr ich das dachte, desto wertloser und inkompetenter fühlte ich mich.

 

"Das merkwürdige Paradoxon ist, dass ich mich ändern kann, wenn ich mich so akzeptiere, wie ich bin." - Carl Rogers

 

Eines Tages las ich ein Buch über Scham. Ich weiß nicht mehr, wie ich auf das Buch kam, aber irgendetwas daran zog mich an. Ich dachte eigentlich nicht, dass Scham eine große Rolle in meinem Leben spielte ... doch je länger ich las, desto mehr fiel es mir wie Schuppen von den Augen! Scham war das ganze Problem an der Steuer-Sache ... und an Vielem anderen mehr!

Das Problem war nicht, dass ich irgendwie besonders unfähig wäre oder es mir an den nötigen Fähigkeiten mangelte! Das Problem war die Scham, die ich empfand und die mich unfähig dazu machte, daran zu glauben, dass ich das Problem bewältigen kann. Es war die Scham, die es mir unmöglich machte, mein Arbeitszimmer zu betreten, Post zu öffnen oder um Hilfe zu bitten.

 

Es ist wie es Virginia Satir, die große Psychotherapeutin, sagt: „Nicht das Problem ist das Problem, sondern unser Umgang damit!“ . Die Stapel und Briefe waren nicht das eigentliche Problem. Das allergrößte Problem, das jede Verbesserung verhinderte, war, dass ich das Problem als Beweise für meine Wertlosigkeit betrachtete!

Brené Brown, deren Buch 'Verletzlichkeit macht stark' ich damals las, definiert Scham folgendermaßen: "Scham ist das äußerst schmerzhafte Gefühl bzw. die äußerst schmerzhafte Erfahrung zu glauben, dass wir fehlerhaft sind und deshalb keine Liebe und Zugehörigkeit verdienen."

Bingo! Ich hatte mich nie getraut, jemandem von den wahren Ausmaßen des Problems zu erzählen, da ich sicher war, alle würden mich dann ablehnen, ich würde deren Respekt verlieren, sie würden mich für inkompetent halten! Für eine Hochstaplerin! Das waren natürlich alles meine Gedanken über mich – aber ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es da draußen Menschen geben könnte, die über mich anders denken würden, wenn sie die Wahrheit kannten!

Brené Brown sagt auch: "Scham sabotiert den Teil in uns, der daran glaubt, dass Veränderung möglich ist!", denn Scham fokussiert auf das Selbst! Scham sagt: du bist falsch und unfähig! Und wenn man grundlegend falsch ist, ist man logischerweise auch hoffnungslos, denn man wird immer falsch bleiben, unabhängig von den Bemühungen. Es ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung!

Um etwas zu ändern, muss der Fokus weg vom Selbst, hin zum tatsächlichen Verhalten: Ich habe etwas falsch gemacht und das bedeutet nicht, dass ich falsch bin! Ich habe ein Problem und das bedeutet nicht, dass mit mir etwas nicht stimmt! Ich kann etwas ändern, indem ich mein Verhalten ändere, denn ich bin nicht falsch! Mit mir ist grundsätzlich alles in Ordnung!

Für mich war das eine Offenbarung! Plötzlich war so klar, dass die Lösung nicht in Büro-Organisationskursen, neuen Ordnern, neuen Ablagesystemen, Büchern über Buchhaltung für Selbständige und erst recht nicht in konstanter Selbstverachtung lag!

 

"Solange wir etwas von uns herabsetzen, verbergen oder leugnen, können wir unsere Energie nicht frei entfalten." - Virginia Satir

 

Es funktionierte genau andersherum, als ich dachte! Ich musste nicht erst werden, wie ich dachte sein zu müssen, um mich zu lieben. Ich konnte und musste mich jetzt lieben, mit allen Imperfektionen. Und wenn ich das konnte, dann würde ich auch das Steuer-Chaos bewältigen! Denn dann würde ich glauben, dass ich wertvoll und fähig bin und auch dieses Problem lösen kann.

Dann würde ich mich meinem chaotischen Arbeitszimmer voller Mitgefühl und Verständnis mir selbst gegenüber nähern, statt so voller Selbstverachtung und Scham, dass ich es dort keine 5 Minuten aushalten kann. Dann würde ich meine Unterlagen sortieren, weil es freundlich mir selbst gegenüber ist und nicht, um mir zu beweisen, dass ich keine Versagerin bin. Dann würde ich mit den unvermeidlichen Schwierigkeiten und Rückschlägen liebevoll und motivierend umgehen und nicht gleich zu mir selbst sagen: siehst du, ich wusste doch, dass du es nicht schaffst!

Es war klar: Ich musste lernen, mich so zu lieben und zu akzeptieren, wie ich war! Mit allem, vor allem mit der ganzen jahrelangen Steuer-Katastrophen-Geschichte!

Nur wie? Die Einsicht war da, aber es war so schwer, für diese 'Katastrophen-Susanne' Mitgefühl, Verständnis und Liebe aufzubringen. Ich war so daran gewöhnt sie zu verachten und sie am liebsten auf den Mond schießen zu wollen

 

Kristin Neff und Christopher Germer, zwei dem Buddhismus nahe amerikanische Psycholog*innen, begründeten das 'Achtsame Selbstmitgefühl', eine Praxis, die Menschen dabei unterstützt mitfühlend und freundlich auf das eigene Leid zu reagieren.

 

In meinem Fall hieß das: wenn ich mich miserabel fühlte und Angst hatte, dass ich diese Stapel an unsortierten Unterlagen nie würde bewältigen können, wenn ich Post vom Finanzamt oder von der Bank bekam oder wenn der Steuerberater irgendwelche Belege von mir brauchte, von denen ich nicht wusste, wo sie waren ... dann betrachtete ich das als Momente des Leidens und brachte mir Liebe und Fürsorge entgegen. Ich hörte damit auf, mir zu sagen, dass ich selbst schuld war und mich deshalb nicht so anstellen sollte! Ich hörte damit auf zu glauben, dass ich erst 'besser' werden müsste, bevor ich mein Mitgefühl und Verständnis verdiente!

Und siehe da! Je mehr Mitgefühl und Verständnis ich mir schenkte, desto leichter konnte ich Verantwortung für meine Gedanken, Gefühle und für mein Verhalten übernehmen! Langsam begannen die Dinge, sich zu ändern. Ich sortierte Stapel, öffnete Post und begann mit dem Finanzamt zu kommunizieren. Ich arbeitete 3 Steuererklärungen nach, bezahlte gestundete Steuerschulden und gewann langsam ein Gefühl von Selbstwirksamkeit. Das ging natürlich nicht ohne Rückfälle, unangenehme und beschämende Erlebnisse und Anfälle von Überforderung und Hoffnungslosigkeit.

Jedes Mal war es meine Aufgabe, nicht einerseits in Selbstkritik ('Wie konnte es nur so weit mit mir kommen ...') oder andererseits in Selbstmitleid und Opfer-Haltung ('Wieso lässt mich das Finanzamt nicht endlich in Ruhe …') zu versinken, sondern immer wieder zum Selbstmitgefühl zurückzukehren:

  • Zu spüren, wie ich mich fühle und das als Moment des Leidens zu erkennen,
  • zu erkennen, dass ich damit nicht allein bin und dass alle Menschen solche Momente erleben (vielleicht nicht mit der Steuer, aber mit etwas anderem) und
  • mir mit Verständnis, Mitgefühl und Freundlichkeit zu begegnen und mir Mut zu machen.

 

Falls Sie auch genug davon haben, sich selbst zu kritisieren und lernen wollen, freundlicher zu sich zu sein: 8 Abende mit Selbstmitgefühl ab 29.01.2021!

 

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