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Das ist echt stark! - Stärken wahrnehmen

Nimm immer zuerst den Menschen in seinen Ressourcen wahr! Insoo Kim Berg 

 

In meinen Coachings und Workshops merke ich immer wieder, wie schwer es Menschen fällt, Stärken wahrzunehmen. Was hält uns eigentlich davon ab? Wie können wir Stärken an uns und anderen wahrnehmen?

 

Was hindert uns eigentlich daran, unsere Stärken wahrzunehmen und zu zeigen? Uns gar an Ihnen zu freuen? Hier sind die Gründe, die ich gefunden habe:

 

  • scheinbar harmlose Sinnsprüche wie "Eigenlob stinkt" oder "Hochmut kommt vor dem Fall"
  • der Glaube, es mache mehr Sinn die eigenen Schwächen zu erkennen und daran zu arbeiten, sie auszumerzen - d.h. wir konzentrieren uns mehr darauf, das loszuwerden, was wir als unangenehm oder beschämend an uns erleben, als darauf, das zu vermehren, was uns stolz und zufrieden mit uns selbst macht (ob das immer eine kluge Wahl ist, können Sie sich gerne selbst fragen)
  • die Angst davor, von anderen als überheblich und arrogant wahrgenommen und ausgeschlossen zu werden, wenn wir sagen: Ja, das kann ich wirklich gut! Ich bin genau der/die Richtige für diese Aufgabe!
  • die Angst, unter Druck zu geraten: wenn ich einmal gesagt und gezeigt habe, dass ich darin richtig gut bin, dann wird ab jetzt jeder (und ich allen voran?) hohe Leistung von mir erwarten, also lieber niedrig stapeln! Die werden sonst denken: so gut, wie sie denkt, ist sie also doch nicht!
  • Die Selbstverständlichkeits-Falle: vieles, was wir jeden Tag tun und erledigen wird von uns und anderen als Selbstverständlichkeit gesehen. Es scheint nicht der Rede Wert. Fehler oder Schwächen jedoch werden wesentlich deutlicher wahrgenommen, auch wenn sie im Vergleich zu dem, was alles klappt und funktioniert (mir erscheint es zunehmend als Wunder, wie viel in dieser komplexen Welt klappt!), eher unbedeutend sind.

In meiner Erfahrung macht es unheimlich viel Spaß im privaten und beruflichen Kontext auf "Stärken-Jagd" zu gehen, d.h. den Fokus bewusst darauf zu legen, was ich an anderen an Stärken, Ressourcen und Fähigkeiten wahrnehme. Wie kann das gehen?

  • Wenn Sie die Stärken an sich und anderen wahrnehmen wollen, gilt es zunächst die Selbstverständlichkeits-Falle zu umgehen. Wenn Sie einmal annehmen, dass es nicht selbstverständlich ist, was Sie und andere täglich tun und lassen, dann werden Sie frei, die wahre Flut an Stärken und Fähigkeiten zu erkennen, die vorhanden ist. Ist es denn selbstverständlich, dass Herr Meier so gut überzeugen kann, dass Frau Schmidt so gut Dinge auf den Punkt bringen kann, dass Herr Huber so einen guten Kaffee macht? Was, wenn Sie diese Menschen, mit denen Sie jeden Tag zu tun haben, zum ersten Mal sähen und nichts über sie wüssten, wenn Sie Ihre (durchaus berechtigten) Erwartungen kurz zur Seite legen? Was würde Ihnen auffallen?

 

In Bayern gibt es ja den Spruch: Nicht geschimpft ist gelobt genug. Der bringt recht gut zum Ausdruck, dass Dinge, die als selbstverständlich gesehen werden, keiner Erwähnung Wert sind. Was wäre so schlimm daran, auch vermeintliche Selbstverständlichkeiten positiv wahrzunehmen und zu wertschätzen? Dass andere sich zu gut fühlen? Dass andere denken, Sie müssten sich nicht mehr weiterentwickeln bzw. besser werden? In meiner Erfahrung ist das Gegenteil der Fall: spezifische positive Rückmeldung - auch von sogenannten Selbstverständlichkeiten - fördern die Lust daran, sich weiter zu entwickeln und besser zu werden mindestens genauso wie die Rückmeldung von Defiziten oder Schwächen. Und es macht mehr Spaß!

 

  • Gehen Sie nicht von sich und Ihrem Wertesystem aus. Sie und andere haben auch in den Bereichen Stärken, die Sie vielleicht als Schwäche oder Defizit begreifen. Wenn jemand z.B. Nein zu etwas sagt, mag es sein, dass Sie denken, der- oder diejenige zeige zu wenig Commitment, sei faul oder desinteressiert. Wenn Sie Ihr Wertesystem jedoch einmal kurz beiseite legen, können Sie auch finden, dass die Person möglicherweise gut für sich sorgen und sehr klar kommunizieren kann. Sie können sehen, dass es eine Fähigkeit ist, Nein zu sagen.

 

Genauso bei sich selbst: wenn Sie ihre volle Ablage in Ihrem Büro sehen (oder etwas anders, was Sie Ihrer Meinung nach längst hätten erledigen sollen), könnten Sie denken, Sie seien unorganisiert und chaotisch. Wenn Sie für einen Moment ohne das Wertesystem darauf schauen, können Sie möglicherweise auch wahrnehmen, dass Sie gut Prioritäten setzen können, dass es nämlich etwas anderes gab, was Sie als wichtiger empfunden haben, als die Ablage zu erledigen. Möglicherweise haben Sie Freizeit- oder andere berufliche Aktivitäten vorgezogen, Zeit mit Ihrer Familie verbracht oder gefaulenzt. Sie könnten sehen, wie flexibel, spontan und kreativ Sie sind!

 

  •  Wenn Sie Schwierigkeiten haben, Ihre eigenen Stärken zu erkennen, dann interessiert Sie sicher die folgende Übung: wenn Sie in manchen Situationen Bewunderung oder Respekt für andere empfinden, dann lohnt es sich, sich einmal bewusst zu machen, was genau es ist, für was Sie die Person bewundern bzw. respektieren. Wenn Sie z.B. eine Kollegin dafür bewundern, dass sie in stressigen Situationen so ruhig bleiben kann, dann bewundern Sie an ihr möglicherweise ihre Gelassenheit, ihre Fähigkeit, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und Prioritäten zu setzen. Dann können Sie sich fragen, wo Sie diese Fähigkeiten bzw. Stärken auch haben. Wenn Sie diese Ressourcen an ihr wahrnehmen können, dass bedeutet das, dass Sie sie kennen - nämlich von sich selbst. Finden Sie Situationen in Ihrem Leben, wo Sie diese Stärken gezeigt haben, wo Sie - um im Beispiel zu bleiben - gelassen geblieben sind, wo Sie sich auf das Wesentlich konzentriert und Prioritäten gesetzt haben.

 

Hilfreich können auch Tools zur Stärken-Diagnostik sein. Martin Seligman (der Begründer der Positiven Psychologie) hat den VIA-Fragebogen entwickelt, mit dem man kostenlos seine 5 Signatur-Stärken herausfinden kann. Es werden insgesamt 24 Tugenden abgefragt, wie z.B. Mut, Führungsstärke, Weisheit oder Teamfähigkeit. Weiterhin gibt es zwei kostenpflichtige Stärken-Tests: den Realise2 (in englisch) von CAPP und den Strengthsfinder von Gallup.

 

Viel Spaß auf der Stärken-Jagd!

 

Ihre Susanne Keck

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Dipl.-Psych. Susanne Keck

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