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Eva Mozes Kor - eine Frau vergibt Dr. Mengele

Als Kind missbrauchte der KZ-Arzt sie und ihre Zwillingsschwester für seine Experimente. Jetzt ist Eva Mozes Kor 76 Jahre alt und hat einen Weg gefunden, sich nicht mehr als Opfer zu fühlen: Ich habe vergeben. Jetzt bin ich frei.

So beginnt ein Artikel in der Berliner Zeitung vom 6.11.2010, den Sie dort im Ganzen lesen können. Mich hat er neugierig gemacht und ich habe das Buch, das Eva Mozes Kor über Ihre Geschichte geschrieben hat gelesen: Ich habe den Todesengel überlebt.

Für mich ist Frau Mozes Kor zu einem ganz großen Vorbild geworden. Sie erklärt, dass es bei Vergebung in erster Linie um einen selber, um das Opfer geht.

"Vergebung bedeutet für mich Freiheit, Kraft und Frieden. Bevor ich vergeben konnte, war ich ein sehr wütender Mensch und nicht besonders glücklich. Zu vergeben hat mir geholfen, mit mir selber als Überlebende ins Reine zu kommen, und es hat meinem Herzen Frieden gegeben."

Zudem, erklärt sie, sei Vergebung wichtig, um die Schuld- und Wutgefühle nicht an nächste Generationen weiterzugeben, die dann wieder zu Tätern würden. So ist Vergebung mehr als eine rein individuelle Sache, sondern vielmehr ein Beitrag dazu, die Welt zu einem freidlicheren Ort zu machen.

Sie sieht Ausschwitz nicht nur als Ort, an dem mehr als 1 Millionen Menschen gestorben sind, sondern auch als Ort, an dem fast 1 Millionen Menschen überlebt haben. Sie sieht es als Triumph über das Nazi-Regime an, dass so viele Menschen die Stärke hatten, diesen Ort zu überleben. Zu überleben habe ihr die Überzeugung verliehen, dass sie alle Schwierigkeiten überwinden könne und das möchte sie weitergeben. Deshalb halte sie auch Vorträge in Schulen.

Anfang der 90er Jahre nahm Eva Mozes Kor Kontakt zu einem ihrer damaligen Peiniger auf, dem KZ-Arzt Hans Münch. Sie wollte, dass einer der Täter Mengeles Experimente und die Gaskammern offiziell bezeugte, da es immer noch Menschen gibt, die dies leugnen. Hans Münch, von Schuldgefühlen und Albträumen gequält, nahm seine Chance wahr und reiste mit Eva Mozes Kor nach Ausschwitz, um dort ein entsprechendes Dokument zu unterzeichnen.

Frau Kor wollte ihm danach für diese Geste danken, wusste jedoch lange nicht, wie. Schließlich beschloss sie, ihm einen Vergebungsbrief zu schreiben. Dieser Prozess dauerte 4 Monate, in dem sie den Brief immer wieder überarbeitete und alten Schmerz durchlitt.

"Als ich den Brief dann schrieb, merkte ich, dass ich tatsächlich die Kraft hatte zu vergeben. Das hatte ich nicht gewusst. Ich war ein Opfer gewesen und als Opfer hat man keine Macht über den eigenen Körper oder den eigenen Geist - oder beides. Dass ich diese Kraft jetzt wieder erlangt hatte, was für mich eine bahnbrechende Entdeckung (...) Ich konnte nicht ändern, was geschehen war, aber ich konnte ändern, was ich darüber fühlte. Und dieser Gedanke, dass ich etwas in der Hand hatte, dass ich die Macht über etwas hatte, was mir in der Vergangenheit zugestossen war, war für mich das Wichtigste und ist es noch. Wenn Leute sagen: Mengele verdient es nicht, die Nazis verdienen keine Vergebung, sage ich: das mag ja alles richtig sein, aber ich verdiene es. ich verdiene, frei von Hitler, frei von den Nazis zu sein. Ich habe die Kraft zu vergeben, das gibt mir Freiheit und ich verdiene diese Freiheit. Ein Mensch, der vergibt, wird sehr stark, er sagt: Mein Leben gehört mir, ich bin für mein Leben verantwortlich."

Am 50. Jahrestag der Befreiung von Ausschwitz reiste Eva Mozes Kor mit Hans Münch dorthin, um offiziell Dr. Mengele und alles Nazis zu vergeben. Diese Ansprache kann man im Trailer zu der Dokumentation über Eva Mozes Kor "Forgiving Dr. Megele" sehen. Ihre Vergebungsansprache traf nicht nur auf Einverständnis - wie im Film zu sehen, gibt es nicht wenige Holocaust-Überlebende, die es für falsch halten, zu vergeben. Dazu sagt Frau Kor: "Jahrzehntelang hat man ihnen beigebracht, wütend zu sein. Das Problem der meisten Überlebenden ist es, dass sie in Gemeinden leben, in denen Wut und das Festhalten an Schmerzen die allgemein akzeptierte Form zu handeln ist."

Frau Kor gründete den Vereine Forgiveness Germany und gründete die Children of Auschwitz-Nazi's Deadly Lab Experiments Survivors (C.A.N.D.L.E.S.). Sie konnte bisher 122 Überlebende der Zwillingsexperimente ausfindig machen. Sie kämpft bis heute darum, die medizinischen Folgen und Hintergründe der Versuche in Erfahrung zu bringen - nur so können die Opfer hinreichend behandelt werden.

Viel Glück!

Kontakt

Dipl.-Psych. Susanne Keck

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