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Macht ein behindertes Kind seine Eltern glücklich? - oder das Gute am Schlechten

Können wir auch glücklich sein, wenn wir NICHT das bekommen, was wir wollen bzw. macht es uns wirklich glücklich, wenn wir bekommen, was wir wollen? 

In einer Studie der Universität Montreal, die im Fachmagazin Pediatrics veröffentlicht wurde, wurden Familien mit Kinder befragt, die Genveränderungen mit zum Teil schwersten Behinderungen haben. 97 % der Befragten gaben an, ein erfülltes Leben zu führen und glaubten, dass die Existenz des Kindes ihr Leben bereichere. Sterben diese Kinder aufgrund ihrer Erkrankung schon sehr früh, sagen ihre Eltern, dass sie dennoch froh sind, das Kind gehabt zu haben.

Nun ist es ja nicht so, dass diese Eltern Ausnahmeerscheinungen sind. Sie sind Menschen wie Sie und ich, denen das passiert ist, wovor es den meisten Menschen graust. Ähnlich geht es uns mit anderen Dingen: wir wollen keine Krebserkrankung, wir wollen nicht unseren Job verlieren, vom Ehepartner verlassen werden, pleite gehen us.f. und wenn wir Leute treffen, denen das passiert ist, dann glauben wir alles, nur nicht, dass es sie glücklich machen könnte. Glücklich, so glauben wir, wird man, wenn man bekommt, was man will: ein gesundes Leben mit gesunden Kindern, einem guten Job, hohem Einkommen, ohne große Rückschläge oder Enttäuschungen.

Stimmt nicht! sagt Harvard Psychologie Dan Gilbert, der den ausgesprochen lesenswerten Glücks-Bestseller "Ins Glück stolpern" geschrieben hat. In seiner Forschung kann er belegen, dass unsere Vorhersagen über das, was uns glücklich machen wird, oft falsch sind. Und wissen wir das nicht eigentlich? Wie viel von dem, was wir unbedingt wollten, hat zu einem dauerhaften Glücklicher-Sein geführt? Den Traumpartner zu bekommen macht eine zeitlang glücklich und dann führt man eine Beziehung, die - wie jede - ihre Aufs und Abs hat. Die Beförderung zu bekommen macht eine zeitlang glücklich und dann hat man viel mehr Stress als vorher. Berühmt zu werden macht bestimmt ebenfalls eine zeitlang glücklich und dann möchte man vielleicht mal wieder unerkannt Pizza essen gehen. Wir liegen falsch, wenn wir glauben, der Weg zum Glück bestünde darin, den Dingen hinterher zu jagen, von denen wir glauben, dass sie uns Glück bringen werden, denn meist stimmt es nicht. Warum? Weil Glück viel mehr mit einer inneren Einstellung als äusserlichen Faktoren zu tun hat.

Andersherum gibt es viele Hinweise, dass auch das, was wir nicht wollten, uns letztlich glücklich macht. Daniel Gilbert gibt in einem ausgesprochen unterhaltsamen TED-Beitrag einige Beispiele:

  • Jim Wright, einst einflussreichster Demokrat der USA, sagt nach seinem unehrenhaften skandalbedingten Ausscheiden aus der Politik: "Ich bin heute körperlich, finanziell, mental und in allen anderen Bereichen so viel besser dran."
  • Moreese Bickham verbrachte 37 Jahre unschuldig im Gefängnis und als er mit 78 - ein Gentest hatte seine Unschuld bewiesen - entlassen wurde, sagte er: "Ich bereue es nicht eine Minute. Es war ein fantastisches Erlebnis."
  • Harry S. Langerman wollte 1949 Franchise-Nehmer bei den McDonalds-Brüdern werden, die zu der Zeit einen Hamburger-Stand in New York hatten. Sein Bruder, der Investment-Banker war und den er um die $ 3000 Franchise-Gebühr bat, lachte ihn aus, weil er glaubte, niemand würde je Hamburger essen und gab ihm das Geld nicht. Ray Kroc, der statt seiner Partner und Begründer von McDonalds wurde, war bald der reichste Mann der USA. Langerman sagte: "Ich glaube, es ist am Besten so."
  • Pete Best war von 1960-62 Schlagzeuger der Beatles, bin sie ihn durch Ringo Starr ersetzten. Er ist heute immer noch Musiker und sagt: "Ich bin glücklicher, als ich es mit den Beatles hätte sein können."

 Daraus entwickelt Dan Gilbert diese Regeln zum Glück (mit Augenzwinkern natürlich):

  • Gewinne Reichtum, Macht und Ruhm und verliere sie dann.
  • Verbringe so viel Zeit im Gefängnis wie möglich.
  • Mache jemand anderen sehr sehr reich.
  • Gehe auf keinen Fall zu den Beatles.

Aber Spaß beiseite: wenn Menschen uns solche Geschichten erzählen und uns dann sagen, wie gut es ist, dass diese Katastrophe in ihrem Leben passiert ist, dann lachen wir sie meistens aus (wenn nicht offen, dann doch innerlich) und denken: "Die Ärmsten, jetzt müssen sie sich auch noch einreden, dass es so am Besten war."

Aber reden sie es sich ein? Und wenn sie es sich einreden, ist das "eingeredete" Glück dann weniger Wert als das "echte" Glück, das wir erleben, wenn alle unsere Wünsche in Erfüllung gehen? Reden die Eltern der behinderten Kinder sich ein, glücklich zu sein bzw. ist ihr Glück weniger wert als das Glück von Eltern mit gesunden Kinder? Haben die nur einfach nicht alle Tassen im Schrank oder retten sich vor der totalen Verzweiflung (die ja das Normale wäre, denken wir) in eine Art Pseudo-Zufriedenheit? Studien bestätigen: Nein. Menschen haben eine Art psychologisches Immunsystem, das aus jedem möglichen Ereignis Glück erzeugen kann.

Glück ist unabhängig davon, ob wir bekommen, was wir wollen oder nicht. Warum glauben wir dann aber so fest daran, dass wir nur dann wirklich wirklich echt glücklich sind, wenn wir es bekommen? Daniel Gilbert hat darauf eine interessante Antwort:

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Dipl.-Psych. Susanne Keck

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