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Menschen brauchen Unglück

Immer häufiger wird Kritik an der Glücksforschung laut, die besagt, sie versuche menschliches Unglück unter den Teppich zu kehren. Zudem würde man die Menschen mit dem Anspruch unter Druck setzen, immer glücklich sein zu müssen, egal was passiert!

 

Du lieber Himmel, denke ich mir da. Ich weiß ja nicht, was für unsägliche Machwerke die betreffenden Kritiker da gelesen haben - aber es will ihnen doch niemand ihr heiß geliebtes Unglück wegnehmen! Und tatsächlich behauptet niemand in der seriösen Positiven Psychologie, dass Menschen immer und unter allen Umständen glücklich sein sollen. Im Gegenteil: negative Emotionen wären nicht im Repertoire des Menschen, wenn sie keine Vorteile für ihn hätten.

 

Doch genau das gleich gilt auch für die positiven Emotionen ... und wenn ich von einer Kategorie eher sagen würde, dass sie unterschätzt wird, dann sind das die positiven Emotionen.

 

Es ist nicht gesund, negative Emotionen gänzlich zu leugnen und das ist - denke ich - der Vorwurf an die Glücksforschung: dass sie Menschen dazu motiviere, ihre negativen Gefühle noch mehr unter den Teppich zu kehren. Aber in meiner Einschätzung haben Menschen auch vor der Glücksforschung schon nicht besondern gerne darüber gesprochen, dass sie deprimiert, frustriert, traurig, verzweifelt, hoffnungslos oder ängstlich sind. Gesellschaftlich legitimierte Formen von Unglück sind höchstens im-Stress-sein, genervt-sein oder ärgerlich-sein. Ich denke nicht, dass die Menschen erst die Positive Psychologie gebraucht haben, um negative Gefühle zu unterdrücken.

 

Paradoxerweise ist es oft so, dass erst, wenn wir uns negative Gefühle wirklich eingestehen, wir auch wieder glücklich sein können. Unter den Teppich gekehrt führen sie ein Eigenleben und sind eben überhaupt nicht so weg, wie wir das nach aussen gerne darstellen würden. Schlafende Hunde soll man nicht wecken! Also rein glückstechnisch bringt es viel mehr, sich negative Gefühle einzugestehen. Zuerst natürlich vor sich selber - ob und wie man sie dann ausdrückt, ist eine andere Frage: das in den 70er Jahren propagierte Ausagieren (Alles muss raus) ist längst nicht mehr der Weisheit letzter Schluss.

 

Aber ist das nicht das schwerste, sich Gefühle von Angst, Verzweiflung, Wut, Trauer u.s.f. vor sich selber einzugestehen? Ja, ich habe wirklich Angst vor der Präsentation morgen. Ja, ich fühle mich wirklich hoffnungslos, wenn ich an mein Liebesleben denke. Ja, ich bin wirklich neidisch auf den Kollegen. Das ist ja so kindisch, peinlich, schwach. Lieber ein Lächeln drüber klatschen, damit es keiner merkt. Da kommt vielleicht ein wohlmeinender Ratgeber gerade recht, der einem mitteilt, dass man positiv denken soll, sich im Spiegel anlächeln und sich sagen soll, dass man der/die Tollste ist. Der einem sagt, dass man nur die richtige Einstellung zu den Dingen bräuchte und dann wäre man glücklich. Das sind gerne genommene Abkürzungen, die nur oberflächliche Kosmetik sind.

 

Die Sache ist die, dass solche Behauptungen wirklich stimmen: ja, die eigene Einstellung ist ein wichtiger Faktor zum Glück. Nur: man kann nicht so tun, als ob. Vor anderen vielleicht, aber nicht vor sich selber. Wenn ich mir vormache, es sei alles in Ordnung und ich sei dieser positive Mensch, aber in meinem Inneren fühle ich mich traurig, dann täusche ich mich vor allem selber. Das ist jedoch sicherlich nicht die Schuld der Glücksforschung.

 

Doch zurück zum Unglück: warum sind negative Gefühle wichtig und sollten nicht unter den Teppich gekehrt werden? Weil sie uns auf etwas hinweisen! Sie weisen uns darauf hin, dass wir etwas glauben, das möglicherweise nicht ganz realistisch ist.

  • Wenn ich zum Beispiel Angst vor der Präsentation habe, die ich morgen halten muss, dann habe ich Bilder davon im Kopf, wie es schief läuft, d.h. ich gaukle mir vor, dass es so negativ morgen ablaufen wird und erlebe jetzt schon den Stress, den ich möglicherweise morgen hätte, wenn es so laufen würde wie in meinem mentalen Filmchen. Doch das kann ich nicht wissen - es ist nur eine von vielen Möglichkeiten. Dass es super laufen könnte ziehe ich nicht ins Kalkül.
  • Wenn ich mich hoffnungslos fühle angesichts meines (möglicherweise nicht existenten) Liebeslebens, dann beurteile ich mich und meine Vergangenheit harsch. Ich denke, ich bin nicht liebenswert, nicht attraktiv genug. Ich denke, ich werde immer alleine bleiben. Aber das sind doch nur Gedanken und nicht die Realität! Wie oft kann sich etwas plötzlich ändern. Doch das sehe ich in dem Augenblick nicht. Alle meine liebenswerten Seiten blende ich aus, dass es Menschen gibt, die mich aus gutem Grund mögen, will ich nicht sehen.
  • Wenn ich neidisch bin auf einen Kollegen, dann glaube ich, dieser sei besser, erfolgreicher als ich. Aber kann ich das wirklich wissen? Was weiß ich denn über ihn wirklich - vielleicht fühlt er sich hundsmiserabel? Und gibt es ein so globales Besser und Schlechter überhaupt, sind nicht letztlich alle gleichviel wert? In dem Moment falle ich auf eine sozialen Vergleich herein, der auf sehr wenigen selektiven Informationen beruht.

Sie sehen, negative Gefühle verraten mir sehr viel darüber, wie ich mich und die Welt sehe bzw. was ich ausblende. Sie zeigen mir, durch welche Brille ich die jeweilige Situation sehe und das kann sehr aufschlussreich sein und mir viel über mich und meine Sichtweise verraten. Doch erst, wenn ich mir eingestehe, diese Gefühle und Gedanken zu haben, kann ich diese Bewertungen korrigieren und meine Einstellung eventuell ändern - wenn ich das möchte. Natürlich darf jeder seine negativen Bewertungen behalten!

 

Insofern ist das Negieren negativer Gefühle eine denkbar schlechte Idee. Interessanterweise kommt auch die wissenschaftliche Forschung auf dieses Ergebnis: die bekannteste Forscherin positiver Emotionen, Prof. Barbara Fredrickson, hat die sogenannte Losada-Ratio bekannt gemacht, die besagt, dass ab einem Verhältnis von 3:1 von positiven zu negativen Emotionen und Reaktionen echte Positivität entsteht und z.B. auch Teams ab dieser Ratio effizienter arbeiten. Nur ist dieses Verhältnis keinesfalls nach oben offen: ab einer Ratio von 10:1, also 10 positive auf 1 negative Emotionen/Reaktion lässt die Positivität bzw. Effizienz wieder nach. Das heißt: wir brauchen negative Gefühle als Korrektiv.

 

Viel Glück!

Kontakt

Dipl.-Psych. Susanne Keck

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