Sind Sie der Selbstbedienungsladen der Menschheit?

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Ich weiß nicht, wies es Ihnen geht, aber ich habe mich lange Zeit meines Lebens wie der Selbstbedienungsladen der Welt gefühlt.

 

Lassen Sie mich erklären, was ich damit meine: immer wenn jemand – egal ob beruflich oder privat – etwas anfragte, hatte ich das Gefühl, ich müsste sofort reagieren bzw. die Anfrage in irgendeiner Weise erfüllen.

 

Wenn die Freundin mich treffen will, MUSS ich das zeitnah möglich machen. Wenn der Chef oder die Chefin eine Aufgabe an mich delegiert MUSS ich diese im erwarteten Zeitrahmen fertigstellen.

 

Neben diesen realen Anfragen gibt es auch noch die ganzen vermeintlichen Erwartungen der anderen, die es nur in unseren Köpfen gibt und die wir sozusagen im vorauseilenden Gehorsam erfüllen, vllt. ohne jemals zu fragen, ob sie eigentlich real sind:

  •  Erwarten Ihre Kinder wirklich, dass Sie jedes Wochenende einen Ausflug machen?
  • Erwartet Ihr Partner oder Ihre PartnerIn wirklich, dass Sie stets zur Verfügung stehen für ein Gespräch?
  • Erwarten Bekannte wirklich, dass die Wohnung blitzblank ist wenn sie zu Besuch kommen?
  • Erwartet der Chef wirklich, dass jede seiner Deadlines widerspruchslos eingehalten wird?

 Oder sind das nicht vielmehr Ihre eigenen perfektionistischen Ansprüche an sich selbst als Elternteil, PartnerIn, FreundIn, MitarbeiterIn? Manchmal haben wir uns das noch nie wirklich gefragt!

 

Vieles davon sind tatsächlich reine Annahmen! Und selbst wenn diese Menschen das tatsächlich erwarteten, dann bedeutet das ja noch lange nicht, dass wir diesen Erwartungen stets entsprechen müssen, wenn wir nicht wollen oder nicht können.

 

Wenn wir das alles glauben und denken, wir müssten all diese vermeintlichen Erwartungen erfüllen, dann fühlt sich das so an, als wären wir gar nicht Herren oder Herrinnen unserer Zeit oder Energie, sondern als würden die Anforderungen und Wünsche der Welt darüber bestimmen, was wir wann machen.

 

Wo liegt Ihre Kontrollüberzeugung - innen oder außen?

 

In der Psychologie gibt es dafür einen guten Begriff des Psychologen Julian B. Rotter aus dem Jahr 1954, der im ersten Moment ein bisschen lustig klingt: Locus of control. Also der Ort der Kontrolle bzw. die Kontrollüberzeugung. Die Kontrollüberzeugung befindet sich sozusagen auf einer Skala von einer externalen Kontrollüberzeugung auf der einen und einer internalen Kontrollüberzeugung auf der anderen Seite. Habe ich eine eher externale Kontrollüberzeugung, dann sehe ich mein Leben vor allem von äußeren Kräften bestimmt, d.h. Personen, Institutionen, Schicksal. Habe ich eine eher internale Kontrollüberzeugung, dann sehe ich mein Leben vor allem als durch meine eigenen Entscheidungen und mein eigenes Verhalten geprägt.

 

Als ich dachte, dass ich der Selbstbedienungsladen der Welt sei, dürfen Sie dreimal raten welche Kontrollüberzeugung dahintersteckt: eine zutiefst externale! Es ist das Gefühl, dass andere über unsere Zeit und Energie verfügen und nicht wir selbst.

 

Sie können sich denken, welcher Locus of control eher mit Stresserleben und welcher mit psychischer Gesundheit zusammenhängt!

 

Es hat mich selbst einige Zeit gekostet, um zu verstehen, dass ich kein Selbstbedienungsladen bin und meine Kontrollüberzeugung von einer externalen zu einer internalen zu verändern. Ich MUSS nicht auf alles sofort reagieren, was mir von außen zugetragen wird. Ich DARF mich entscheiden bzw. ich DARF sagen wann es für mich passt.

 

Sie hören schön: das Wort MÜSSEN vs. KÖNNEN oder WOLLEN ist hier der Dreh- und Angelpunkt. Es ist der MUSS-Gedanke – also zu denken „ICH MUSS DAS TUN“, der den ganzen Unterschied macht zwischen einer internalen und einer externalen Kontrollüberzeugung.

 

Wenn wir glauben, dass wir müssen, dann wird das Leben mit der Zeit schnell freudlos und anstrengend. Vielleicht kennen Sie dieses Gefühl im Hamster Rad festzustecken.

 

Bei mir hat das eine ganze Bandbreite an Gefühlen ausgelöst, die Sie vllt. kennen:

  • Ein großes Gefühl von Überforderung
  • Oft Selbstabwertung, denn ich dachte ja, es würde mit mir etwas nicht stimmen, wenn ich diesen ganzen vermeintlichen Anforderungen nicht gerecht werden konnte.
  • Aber andererseits auch Rebellion und Rückzug. Ich habe mir öfter gedacht: diese blöde Welt kann mich mal mit ihren ständigen Forderungen … weil ich einfach nicht sehen konnte, dass die Forderungen tatsächlich von mir kamen und nicht von der Welt.
  • Und letztlich häufig auch Wut und Ärger, wenn wieder jemand anruft oder textet und etwas will.

All diese Gefühle sind für mich heute deutlicher Ausdruck davon, dass ich mich als totales Opfer der Welt gesehen habe, also um mit Rotter zusprechen, eine total externale Kontrollüberzeugung hatte. Es hat lange gedauert, bis mir klar wurde, dass das Problem nicht die Welt ist … es ist ja eigentlich ganz schön, wenn Menschen etwas von einem wollen, wenn man für andere wichtig ist.

 

Sie sind das Problem!

 

Das Problem war ich! Die Welt hat mich ja nicht zu ihrem Selbstbedienungsladen gemacht, sondern ich mich!

 

Wenn wir das MÜSSEN infrage stellen, dann fordern wir uns selbst dazu auf, die Verantwortung für unser Tun und Lassen zu übernehmen.

 

Das würde dann z.B. so klingen:

 

Ich muss die Dokumente an den Steuerberater schicken -> Ich entscheide mich dafür, die Dokumente an den Steuerberater zu schicken, weil ich dadurch ihm und mir das Leben erleichtere ODER Ich entscheide mich dafür, den Steuerberater die Dokumente nicht zu schicken und bin bereit, die Konsequenzen dafür zu tragen, z.B. eine weitere Nachfrage von ihm oder Verzögerungsgebühren vom Finanzamt.

 

Ich muss zur Arbeit gehen -> ich entscheide mich dafür zur Arbeit zu gehen, weil ich damit Geld verdiene, weil ich eine zuverlässige Mitarbeiterin bin etc. ODER ich entscheide mich dafür, heute nicht zur Arbeit zu gehen, weil ich eine Pause brauche ODER Ich suche mir eine andere Arbeit.

 

Wie würde Ihr Leben aussehen, wenn Sie alles, was Sie zu müssen glauben, einmal als Ihre eigene Entscheidung betrachten? Warum entscheiden Sie sich dafür? Was würde es bedeuten sich dagegen zu entscheiden?

 

Wenn Sie sich einmal hinsetzen würden und Ihre MUSS-Liste schreiben, also die Dinge aufschreiben, die Sie zu müssen glauben und eigentlich nicht gerne tun oder nicht wollen … wie wäre es aus dieser Liste eine Meine-freie-Entscheidungsliste zu machen?

 

Warum entscheiden Sie sich dafür? Vielleicht sind da ein paar vernünftige Gründe dabei? Was würde es bedeuten, sich dagegen zu entscheiden? Wären sie Konsequenzen wirklich so gravierend, wie Sie denken?

 

Zu müssen hilft Ihnen dabei, die Verantwortung abzugeben!

 

Ich habe beobachtet, dass wir dem MUSS-Gedanken oft dann erliegen, wenn wir Mühe haben, die Verantwortung für unsere Entscheidung zu übernehmen. Zu denken, dass ich muss, macht es mir ja insofern leichter, als dass ich gar keine Alternative habe und mich nicht fragen muss, was ich wirklich will.

 

Byron Katie, an deren Institut ich das Glück hatte meine Ausbildung zur Begleiterin für The Work of Byron Katie zu machen, war und ist an dieser Stelle ziemlich radikal: Sie würde fragen: „Du musst! Ist das wirklich wahr? Kannst du ganz sicher wissen, dass das wahr ist?“

 

Und natürlich hätte ich zuerst gesagt – wie Sie vielleicht auch – natürlich ist das wahr. Was soll das denn für eine Frage sein? Natürlich muss ich z.B. dem Finanzamt Dokumente zukommen lassen, die Aufträge meiner Kunden erfüllen, Essen für meine Kinder kochen, morgens aufstehen und zur Arbeit gehen.

 

Doch wenn man sich das einmal wirklich fragt und es bis zum Ende durchdenkt, dann kommt man schnell an den Punkt, an dem man begreift: es ist nicht wahr, dass man muss!

  • Müssen Sie wirklich alle Emails und Textnachrichten sofort beantworten?
  • Müssen Sie die Wohnung wirklich so sauber halten, dass jederzeit ein Staatsbesuch stattfinden könnte?
  • Müssen Sie Ihren Klienten oder KundInnen wirklich immer den Termin anbieten können, der für diese am besten passt?
  • Müssen Sie sich postwendend nach deren Kontaktaufnahme bei Freunden telefonisch melden?
  • Müssen Sie Zeit für Menschen haben, egal wir voll Ihr Terminkalender ist?
  • Müssen Sie „Ja“ zu etwas sagen obwohl Sie eigentlich „Nein“ fühlen?

Was glauben Sie zu müssen?

 

Die Antwort ist – wenn man es einmal wirklich durchdenkt – aus meiner Sicht: Nein, all das müssen Sie nicht.Vielleicht wollen Sie! Oder Sie wollen die Konsequenzen nicht tragen, von denen Sie glauben, dass Sie auftreten würden, wenn Sie es nicht täten (und die Sie vielleicht noch nie wirklich überprüft haben).

 

Egal ob Sie es anerkennen wollen oder nicht: Sie haben eine Entscheidung getroffen. Wenn Sie diese Dinge getan haben, dann wollten Sie es wahrscheinlich … oder Sie wollten die Konsequenzen nicht tragen, die es hätte, sich dagegen zu entscheiden!

 

Wir alle haben viele Befürchtungen, was passieren würde, wenn wir nicht mehr denken würden, dass wir MÜSSEN! Einige davon sind sicher berechtigt, z.B. würden Sie wahrscheinlich über kurz oder lang Ihren Job verlieren, wenn Sie ab morgen einfach nicht mehr hingehen.

 

Meist aber sind es viel irrationalere und subtilere Befürchtungen oder vorgestellte Horror-Szenarien, was passieren würde, wenn wir dem Müssen nicht mehr so viel Raum geben würden:

  • Dann würde ich meinen eigenen (vielleicht überzogenen?) Ansprüchen an mich selbst nicht mehr genügen und würde mich ungenügend finden.
  • Dann würde ich andere enttäuschen und nicht mehr geliebt oder respektiert werden.
  • Dann hätte ich keinen Grund mehr etwas zu tun, würde nichts mehr zu machen und erfolglos und pleite enden.

Was ist es bei Ihnen? Was befürchten Sie würde passieren, wenn Sie sich mal fragen würden, ob Sie die Dinge wirklich müssen, die Sie zu müssen glauben?

 

Kontakt

Dipl.-Psych. Susanne Keck

Schachnerstrasse 5

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