· 

Die Selbstverständlichkeit ist der größte Feind der Dankbarkeit

Ich bemerke es immer wieder an mir und meinen Klient|innen: Der größte Feind der Dankbarkeit ist die Selbstverständlichkeit. 

 

Der Mensch hat die fantastische Fähigkeit, sich an Dinge zu gewöhnen, sie zu lernen, sie automatisch zu können. Ohne diese Fähigkeit könnten wir sicherlich nur 1/100stel von dem bewerkstelligen was wir jeden Tag machen.

 

Der Nachteil daran ist: wir nehmen die Dinge nicht mehr wirklich wahr, sondern sind oft auf "Autopilot". Oder wir planen in Gedanken schon das Nächste. Das, was tatsächlich um uns herum passiert - was keineswegs selbstverständlich ist - nehmen wir nicht wahr. Diese Abstumpfung versuchen wir oft dadurch zu kompensieren, dass wir das Besondere suchen - ein besonderes Event, besonderen Sport mit "Kick", ein besonderes Essen, besonderen Sex. Dabei würde der ganz stinknormale Alltag im Grunde genug "Kick" bieten, wenn wir mal hinschauen würden.

 

Deshalb müssen viele Leute so lange nachdenken, wenn man sie fragt, für was sie dankbar sind: sie suchen nach dem "Besonderen". Dass man dankbar sein könnte, dass man morgens aufwacht ist wirklich zu banal! Dass es Frühstück gibt - gäääähhhn. Die U-Bahn ... ist eh voll und stinkt. Die Arbeit ... bäääh, wär besser ohne. Die Sonne ... na und, die scheint doch eh nur, wenn ich gerade nicht kann. Kennen Sie das? Willkommen in der Selbstverständlichkeits-Falle!

 

Ein ganz anderer Weg um aus der quälenden Routine des Alltags, der nichts mehr Besonderes bietet, für das man dankbar sein könnte, auszubrechen ist genauer hinzuschauen. Der ist auch billiger als die ganzen teuren Events, die Sportausrüstung fürs Extrem-Eisklettern und die Erlebnis-Gastronomie mit Mega-Animation (wobei ich sicher nicht gegen diese Dinge bin).

 

Stickworte dafür sind z.B. Achtsamkeit und Genuß: Achtsamkeit bedeutet nichts anderes als Ganz-bei-der-Sache-sein. Zum Beispiel beim Essen: wirklich jeden Bissen geniessen. Auf dem Weg zum Termin: die Luft wahrnehmen, die Schritte, die Menschen um einen herum. Sie werden feststellen: das Leben ist spannend, jeden Moment. Und Sie werden feststellen, wir oft Sie im Kopf ganz woanders sind: kein Wunder, dass sich alles so schal und unecht anfühlt - Sie kriegen ja auch nur die Hälfte mit, wenn's hoch kommt. Versuchen Sie einmal während eines einzigen Abendessens völlig anwesend und Bissen für Bissen bei Ihrem Mahl zu sein. Ist nicht leicht, lohnt sich aber.

 

Im Buddhismus gibt es einen schönen Begriff: Indras Netz. Das bedeutet, dass im Universum alles miteinander verbunden ist. Also auch wir Menschen auf der Erde sind ultimativ miteinander verbunden. Niemand hier könnte ohne den anderen leben. Es ist ein ständiges Geben und Nehmen, an dem Sie beteiligt sind. Das geht mit den Leuten los, die unsere Nahrung und unsere Möbel produzieren bis hin zu unserer Familie und Kollegen.

 

Diese Bezogenheit ist für mich ein täglicher Grund für Faszination und unendliche Dankbarkeit. Ich wache morgens auf und sehe diese Fülle und all die Geschenke, die mir gemacht werden, ohne dass ich überhaupt danach frage. Sie sehen es auch, wenn Sie den Blickwinkel etwas ändern und einmal durch die Dankbarkeits-Brille statt durch die Selbstverständlichkeits-Brille schauen.

 

Viel Glück dabei!

 

Ihre Susanne Keck

Kontakt

Dipl.-Psych. Susanne Keck

Schachnerstrasse 5

81379 München

 

mail(at)susanne-keck.de