· 

Muss ich nach einem schweren Verlust für immer leiden?

In meinem Video-Blogbeitrag vom 29.08.2018 ging es um das Thema "Wie akzeptiere ich den Tod eines geliebten Menschen"? 

In einem Facebook-Post dazu ging es danach ganz schön zur Sache mit teilweise fast schon aggressiven Kommentaren, z.B.

  • Zu behaupten es könnte etwas Gutes am Tod bzw. am Verlust geben sei respektlos dem Schmerz der Hinterbliebenen gegenüber.
  • Ich (Susanne) könne nie einen geliebten Menschen verloren haben, denn sonst würde ich nicht behaupten, dass man ja zum Tod bzw. zum Verlust sagen könnte.
  • Es sei totaler Schwachsinn, denn der Tod könne nie etwas Gutes haben.
  • Über den Tod eines geliebten Menschen könne man nie hinweg kommen.

Ich war überrascht von der Heftigkeit mancher Kommentare, aber es hat mich auch neugierig gemacht. Wieso ist es ein solches Sakrileg zu sagen, der Tod könne auch etwas Gutes haben?

 

Ich habe mich gefragt: Was muss ich glauben um zu denken, dass ich nach einem schweren Verlust für immer oder zumindest ganz lange leiden muss?

1. Wenn ich etwas Gutes am Tod bzw. am Verlust eines geliebten Menschen finde, dann bedeutet das, dass ich ihn/sie nie wirklich geliebt haben.

 

Das ist eine unbewusste Überzeugung, die - wenn ich sie glaube - verhindert, dass ich jemals wirklich in Frieden komme mit meinem Verlust.

 

Das bedeutet im Umkehrschluss: mein Leid ist mein Liebesbeweis an den Menschen, den ich verloren habe. Also: je mehr ich leide, desto mehr habe ich den Menschen geliebt?!

 

Wirklich? Muss das so sein?

 

Kann die Liebe denn nicht auch anders ausgedrückt werden? Was würden denn die Verstorbenen dazu sagen, wenn wir sie fragen könnten?

 

Würde ein Kind nicht zu seinen Eltern sagen: drückt eure Liebe zu mir dadurch aus, dass ihr das Leben so genießt wie ich es getan habe, indem ihr spielt und euch freut, Gutes für andere Kinder tut, mich in liebevoller Erinnerung bewahrt ...

 

Wenn ich mir vorstelle, ich würde sterben und mein Mann würde dann furchtbar leiden, weil er glaubt, das sei ein Beweis seiner Liebe zu mir, fände ich das irritierend. Ich hätte lieber, dass er seine Liebe dadurch ausdrückt, dass er die Dinge tut, die uns verbunden haben, dass er in seinem Leben von mir inspiriert bleibt und glücklich ist.

 

2. Wenn ich nach einem schweren Verlust glücklich bin, dann mache ich mich schuldig.

 

Es gibt bei uns Menschen eine Art Überlebensschuld. Wenn jemand stirbt - besonders wenn es ein früher Tod ist oder die Person sehr gelitten hat - und wir leben noch, dann versagen wir uns oft das Glück, weil wir uns sonst schuldig fühlen würden. Dann ist unser Leid Ausdruck der Loyalität der verlorenen Person gegenüber.

 

Das kenne ich gut, denn so ging es mir nach dem Selbstmord meiner Mutter. Sie war so unglücklich und ich konnte ihren Suizid nicht verhindern. Darf ich denn danach noch glücklich sein? Darf ich zu ihrem Tod Ja sagen? Darf ich sagen: Danke, Mama, dass du den Weg frei gemacht hast für mich?

 

Was wenn ich sie fragen würde? Was, wenn du den Menschen, den du verloren hast, fragen würdest? Darf ich glücklich sein, auch wenn du gegangen bist?

 

Loyalität ist auch eine Ausdrucksform unserer Verbundenheit. Doch darf sie sich nicht auch anders ausdrücken, als durch Leid? Du kannst dir überlegen, wie du deine Loyalität leben kannst, wie du das Leben des verlorenen Menschen ehren kannst ... vielleicht sogar, ohne dass du dabei leiden musst!

 

3. Etwas Gutes am Verlust eines Menschen zu finden ist falsch, abartig und herzlos!!

 

Oft erlauben wir uns nicht, das Gute am Verlust zu finden, weil wir denken, das sei herzlos - dann stimme mit uns etwas nicht! Manchmal wollen wir auch den Erwartungen der Umwelt entsprechen und die erwartet meist, dass wie schwer und lange leiden, wenn ein geliebter Mensch gegangen ist. Mancher Mitmensch wäre vielleicht irritiert, wenn unsere Trauer anders aussieht, als sie es sich vorstellen.

 

Ich denke gerade an ein Video, in dem Byron Katie The Work mit einem Mann macht, der an Krebs erkrankt ist. Sie untersuchten den Gedanken "Ich will, dass der Krebs aufhört zu wachsen" (was er aber nicht tat). Die Umkehrung lautet "Ich will NICHT, dass der Krebs aufhört zu wachsen". Katie fragt den Mann daraufhin, ob er Beispiele finden könne, warum es auch wahr sei, dass er nicht wolle, dass der Krebs aufhört zu wachsen.

 

Das sind genau die Fragen, die wir uns nicht zu fragen trauen, weil wir denken, sie seien falsch, abartig und herzlos. Wir dürfen nicht fragen, ob das Schlimmste nicht auch etwas Gutes haben kann! Das sei Verrat an den Toten, Verrat an der Liebe.

 

Dahinter steckt sicher auch ein Aberglaube, dass das Schlimme mit größerer Wahrscheinlichkeit geschieht, wenn man nur darüber spricht. Man soll den Teufel ja nicht an die Wand malen ...

 

Der Mann im Video fand einige Beispiele:

  • Er sei viel lebendiger, seit er Krebs hat.
  • Er fühle mehr Liebe und Verbundenheit zu seiner Familie.
  • Er wisse nun, was wirklich wichtig ist.
  • Er sei ein viel besserer Liebhaber.

Es mag sein, dass der Mann an diesem Krebs gestorben ist - aber es scheint auch sicher, dass der Krebs und sein Tod transformativ für ihn und seine Familie war, auf eine gute Art.

 

Wir haben immer die Wahl und wir können uns jederzeit fragen, ob das, was wir glauben wirklich wahr ist.

 

Diese 3 Grundüberzeugungen, die ich genannt habe, werden ungefragt von Generation zu Generation weiter gegeben und selten kommt jemand auf die Idee sich zu fragen, ob es eigentlich stimmt

  • dass Leid nach einem Verlust der einzig mögliche Ausdruck von Liebe ist,
  • dass Glück nach einem Verlust nicht mehr möglich und sogar schuldhaft ist und
  • dass es abartig und herzlos sei, etwas Gutes an einem Verlust zu sehen.

Kontakt

Dipl.-Psych. Susanne Keck

Schachnerstrasse 5

81379 München

 

mail(at)susanne-keck.de