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Wozu sind gute Gefühle da?

Bis vor Kurzem hat sich die Psychologie ausschließlich der Erforschung negativer Emotionen gewidmet. 

Besonders beeindruckend finde ich die folgende Aufstellung: da haben sich ein paar Forscher die Mühe gemacht, alle Veröffentlichungen der wissenschaftlichen Psychologie seit 1887 bis 2000 daraufhin zu untersuchen, ob positive oder negative Emotionen untersucht wurden: 86.767 Depression, 70.845 Angst, 10.735 Ärger, 7.949 Lebenszufriedenheit, 3.938 Glück, 1.161 Freude.

No comment, denke ich da. Doch mittlerweile hat es sich herumgesprochen: Menschen wollen nicht nur NICHT depressiv, ängstlich oder ärgerlich sein, sondern sie wollen mehr. Sie wollen zufrieden, glücklich und freudvoll sein. Wie das geht, da hatte die Psychologie wenig dazu zu sagen und das Feld all den mehr oder weniger hilfreichen Vorschlägen der Ratgeber-Szene überlassen.

Doch das ist dank der Positiven Psychologie anders geworden und mittlerweile gibt es von der fantastischen Prof. Barbara Fredrickson (eine der führenden Wissenschaftlerinnen der Positiven Psychologie und Professorin an der University of Carolina) eine Theorie der positiven Emotionen (unbedingt lesenswert ist ihr Buch, das es nun auch in deutscher Übersetzung gibt: Die Macht der guten Gefühle: Wie eine positive Haltung Ihr Leben dauerhaft verändert). Die negativen Emotionen sind ja hinlänglich untersucht: wir alle kennen die Aufgaben von Angst, Wut, Trauer. Wir wissen um die Fight- und die Flight-Reaktion und ihre Wichtigkeit für das Fortbestehen der menschlichen Gattung. Doch wozu ist Freude gut?

In der Broaden and Build Theory (also Verbreitern und Aufbauen) sagt Barbara Fredrickson, dass die negativen Emotionen im Wesentlichen unsere Wahrnehmung einschränken. Wenn wir Angst haben oder wütend sind, haben wir eine Art Tunnelblick, wir sind voll auf das Negative konzentriert und nicht offen für neue Informationen. Wir interessieren uns nur noch um unser Überleben und nicht mehr für die Meinung oder Einstellung anderer. Das ist an sich nicht schlecht in bestimmten Situationen, nur - wenn ich mir die Herausforderungen der heutigen Zeit betrachte, habe ich den Eindruck, dass wir etwas anderes brauchen.

Im Gegensatz dazu helfen uns positive Emotionen, neue Informationen aufzunehmen, zu lernen, Interesse zu zeigen und optimistisch und kreativ in die Zukunft zu sehen. Wenn ich voller Freude bin, sehe ich Möglichkeiten wo ich vorher keine gesehen habe. Ich interessiere mich für Fremdes, vor dem ich vorher zurückgeschreckt bin und es fällt mir leichter, neue Inhalte zu verarbeiten. Ich bin offen für andere und deren Sichtweise und sorge für ein gutes Miteinander. Genau so muss es auch in der Menschheitsgeschichte gewesen sein: die negativen Emotionen sorgen für das akute Überleben in einer Krisensituation. Die positiven Emotionen sorgen für den Aufbau einer Gemeinschaft, der Verfolgung gemeinsamer Ziele, der Integration von Informationen, der Kultivierung von Werten - Dingen, die genauso wichtig sind, nur in einer größeren zeitlichen Perspektive.

Die Aufgabe von negativen Emotionen ist die Verteidigung, das Überleben, der Kampf, die Verarbeitung von Verlust. Die Aufgabe von positiven Emotionen ist das Aufbauen, Kultivieren und zum Erblühen bringen dessen, was wir verteidigen und wofür wir kämpfen, um was wir trauern würden. Wenn wir meist aus Angst, Wut, Ärger oder Verzweiflung heraus handeln, ist es schwer für eine Gesellschaft, Familie, Firma, Organisation oder Kultur zu wachsen und zu aufzublühen - das beste Beispiel ist, dass wir in in negativen Gefühlen fast keine neuen Informationen aufnehmen können. Die Herausforderung besteht darin, der Positivität mehr Aufmerksamkeit zu schenken - nicht, weil wir mehr "Kuschelfaktor" brauchen, sondern weil sie genauso wichtig für unseren Erfolg als Gattung ist. Und es ist auch kein plattes Think-Positive gefragt.

Die negativen Emotionen verlangen im Gegensatz zu den positiven unsere sofortige Aufmerksamkeit, sie alarmieren uns und drängen sich immer in den Vordergrund - das ist auch richtig so, weil es zu Zeiten der Säbelzahntiger tatsächlich ums nackte Überleben ging. Aufgrund der enormen erlebten Dringlichkeit von negativen Emotionen ist es oft so schwer, sich den positiven Emotionen zu widmen und sie zu kultivieren. Unser Umgang mit Freude und Glück wirkt ein bisschen so, als ob sie etwas wären, das wir als Freizeitausgleich erleben können, wenn wir mal frei haben vom "echten" Leben.

Gerade wenn ich an Unternehmen und Organisationen denke, fällt mir auf, dass die Gewinne aus Positivität genau das sind, was Mitarbeiter heute brauchen, um effizientes und erfolgreiches Teamwork zu leisten: Offenheit für viele und neue Informationen, Kreativität, geistige Flexibilität, Optimismus, Erkennen von Potential und Möglichkeiten, Lernen an positiven Beispielen, Nutzen der eigenen Stärken und Erkennen der eigenen Erfolge, gegenseitige Wertschätzung, geteilte Freude. Es gibt mittlerweile tatsächlich den Begriff "corporate happiness" ... der Anfang ist getan. Ich hoffe, ich konnte deutlich machen, dass das nicht die neueste Erfindung für sogenannte "Weicheier" ist, sondern meiner Meinung nach eine "harte" Überlebensgrundlage.

In diesem Sinne: viel Positivität wünsche ich!

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Dipl.-Psych. Susanne Keck

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